Superman im Hoodie

Das wahre Glück, schreibt Michel Houellebecq sinngemäß, liegt in einer monogamen Langzeitbeziehung mit einer treuherzigen Frau. In Verlässlichkeit und gemeinsamem Altern. So etwas kann im Grunde nur jemand behaupten, der Phasen ernsthafter Verlassenheit erlebt hat. Nicht das temporäre Nicht-Angerufen-Werden, das junge Literaten so gern mit Depressionen verwechseln, sondern die echte transzendentale Obdachlosigkeit.

Auch Elliot Alderson hat in diesen Abgrund geschaut. Seine unerklärlichen Weinkrämpfe kommen in letzter Zeit wieder häufiger. Bald haben sie ihn so aufgeweicht, dass er mit seiner eisernen Regel bricht, niemals so viel Morphium zu sich zu nehmen, dass eine körperliche Abhängigkeit entsteht. In der vierten Folge von Mr. Robot, der interessantesten Serie der Saison, rutscht er sehenden Auges in die Sucht, hat aber zum Glück Freunde, die ihn in einem Hotelzimmer einsperren, bis sein Körper das Gift aus dem System gespült hat. Den Entzugshalluzinationen des Protagonisten widmet Mr. Robot dann fast die komplette Folge. Über weite Strecken sieht sie aus wie David Cronenbergs Verfilmung von William S. Borroughs' psychedelischem Roman Naked Lunch, also großartig.

Elliot arbeitet tagsüber in einer IT-Sicherheitsfirma und verfügt über eine besondere Gabe: Er kann hinter die Lügen blicken, die die Menschen sich selbst erzählen, um nicht zu verzweifeln. Als hochbegabter Hacker hat er Zugriff auf ihre E-Mails, ihre Social-Media-Accounts, ihre Festplatten, ihre falschen Profile auf Dating-Seiten. Ständig schaut er hinter die Fassade, permanent schlingert er zwischen den gesellschaftlichen und privaten Wahrheiten hin und her.

Er hackt, um die Menschen zu schützen

In die Accounts schleicht er sich nachts, wenn er als gesetzesloser Hacker unterwegs ist. Nicht über den Dächern von Gotham, sondern allein in seinem Zimmer. Er hackt, um die Menschen zu beschützen, die ihm lieb und teuer sind: Wenn seine Kindheitsfreundin einen neuen Typen anbringt, prüft Elliot, ob der Affären hat. Wenn seine Therapeutin, die wie niemand sonst an das Gute im Menschen glaubt, von einem Mann ausgenutzt wird, gräbt Elliot dessen Geheimnisse aus und zwingt ihn, sie in Ruhe zu lassen.

Wie ein amerikanischer Marvel-Superheld setzt er seine IT-Superkräfte ein, um die guten, naiven, schutzlosen, treuherzigen Menschen in seinem Umfeld vor dem Schlimmsten zu bewahren. Dabei verliert er selbst allerdings genau das, was er aufrechtzuerhalten versucht: den Glauben an das Gute und Richtige. Oder auch nur: an die Wirklichkeit.

Weil er sich permanent zwischen der Vorder- und der Hinterbühne des Lebens bewegt, verliert er zusehends den Boden unter den Füßen. In schwachen Momenten beneidet er jene, die ihren übersichtlichen Selbstvergewisserungszirkel nie verlassen haben. Er hat sich der Möglichkeit, wie sie glücklich zu sein, für immer beraubt. Er schläft kaum, die Augen fallen ihm fast aus dem Kopf, er ist abgemagert, hat Berührungsängste, streift unter einer schwarzen Kapuze versteckt durch die Nebenstraßen, und irgendwann ist er so weit, dass er anfängt, mit einer imaginären Person zu sprechen. Und weil diese imaginäre Person der Zuschauer ist, setzt in diesem Moment die Serie ein.

Das ist eindeutig mehr als ein erzählerischer Kniff, das ist schon virtuos: Gegenüber der Serienfigur Elliot Alderson ist man als Zuschauer selbst fiktional. Elliot bildet sich uns ein, nicht andersrum. In dieser Konstellation ist natürlich vieles möglich: Wenn wir sogar selbst eine Täuschung sind, was ist dann noch echt?

Das faule Begehren der Mehrheit


Ähnlich wie der Protagonist in Chuck Palahniuks Fight Club blickt Elliot von außen auf eine synthetische Welt, die sich aus standardisierten Lebensläufen, überzuckerten Kaffee-Kreationen und oberflächlichen On-off-Beziehungen zusammensetzt. In Fight Club springt dem Protagonisten in einer dunklen Stunde Brad Pitts Figur Tyler Durden zur Seite, der ein mutiger Draufgänger ist, und ganz genau weiß, wie man sich in dieser menschenfeindlichen Umwelt behauptet.

Solch einen Schutzengel hat auch Elliot: Christian Slater, der seit Jahren auf rätselhafte Weise immer genau an den richtigen Stellen aufzutauchen scheint, spielt ihn zum Niederknien abgerissen und derangiert. Seine Figur heißt wie die Serie: Mr. Robot. Und wie bei Fight Club spielt das Skript auch hier permanent mit der Möglichkeit, dass Mr. Robot nicht wirklich existiert, sondern lediglich eine Projektion des hilflosen Unterbewusstseins von Elliot Alderson ist, das Symptom der posttraumatischen Belastungsstörung eines Frühzwanzigers, der zu viel gesehen hat: der selbstbewusste, unabhängige, erwachsene Mann, der Elliot gern wäre. Während Mr. Robot selbstbestimmt lebt und keine Kompromisse eingeht, fühlt sich Elliot hilflos und gepeinigt in einer Welt, die von einer neofeudalen Herrschaftselite errichtet wurde, um den Menschen ein faules Begehren aufzuschwatzen.

Mr. Robot ist der Kopf einer Gruppe von IT-Talenten, die sich vorgenommen haben, diese Welt, die ihnen eine ohnmächtige Zuschauerrolle zuweist, ein für alle mal niederzureißen. Die globale Vernetzung gibt ihnen das Werkzeug dazu. Die Gruppe, die sich fsociety nennt und dem situativen Pop-up-Kollektiv Anonymous nachempfunden ist, will die Festplatten eines gigantischen Konzerns formatieren, der so viele Kredite hält, dass das globale Finanzsystem diesen Ausfall nicht überstehen würde. Alle Schulden, alle Kredite, alle Hypotheken würden mit einem Mal ausgelöscht. Es wäre der größte Hack der Geschichte. Der gigantischste Akt von Wohlstandsumverteilung, den die Welt je gesehen hat.

Betriebssystem Geld

"Geld ist nicht mehr echt gewesen, seit wir es vom Gold-Standard abgekoppelt haben", sagt Mr. Robot an einer Stelle, "es ist Software". Das Betriebssystem Geld liegt über der Wirklichkeit und sortiert Recht und Unrecht, Arm und Reich, Macht und Ohnmacht, Gut und Böse. "Wir sind kurz davor, diese virtuelle Realität einzureißen", sagt Mr. Robot, weil es nun einmal seine Angewohnheit ist, immer genau die Sätze zu sagen, die der verängstigte Elliot Alderson eigentlich lieber selbst gesagt hätte.

Erzählerisch geht die Serie in dem Moment über Fight Club hinaus, in dem sie Elliot und Mr. Robot eine dritte Figur zur Seite stellt: den seidenen Tyrann Tyrell. Es ist der erste Auftritt des schwedischen Schauspielers Martin Wallström in einer amerikanischen Produktion und es ist ein großer: Wallström spielt Tyrell als eine Art Konzernreptil, das zu kaltherzig ist, um wirklich grausam zu sein.

Tyrell arbeitet für den Großkonzern, den die fsociety angreifen will, doch im Großen und Ganzen teilt er die Gesellschaftsdiagnose der Hacker. Er hat nur völlig entgegengesetzte Schlüsse gezogen. Er hat sich entschieden, das große Spiel mitzuspielen und die Privilegien zu genießen, die es seinen Gewinnern anbietet: das beste Essen, die besten Anzüge, die besten Frauen. Er hat es sich in einem lauschigen Plätzchen außerhalb des Gesetzes gemütlich gemacht, wo Geld alle Widerstände aus dem Weg räumt.

Zwei konkurrierende Freiheitserzählungen

Tyrell ist ein sadistischer Hedonist, ein sanftmütiger Unmensch, gleichzeitig hellwach und technisch extrem kompetent. In einigen Momenten hat Elliot eine Heidenangst vor ihm, in anderen kann er eine gewisse Faszination nicht verbergen. Elliot und Tyrell sind nicht einfach Antagonisten, sondern haben eine gemeinsame Ebene. Beide sind hochbegabt, beide haben ihre Ketten abgeworfen. Für Elliot ist es durchaus ein weltanschauliches Problem, dass jemand wie Tyrell in Freiheit lebt und wie Elliot selbst aus dem Gehege der unmittelbaren Bedeutungsangebote ausgebrochen ist. Ein König in seinem eigenen Reich. Wie kaum einen anderen betrachtet Elliot Tyrell als mindestens ebenbürtig.

Das macht die Figur Elliot so interessant: Sie befindet sich zu jeder Zeit in einem uneindeutigen Zwischenraum außerhalb der Definitionen: Zwischen Realität und Einbildung, zwischen öffentlicher Maskerade und schlecht weggeschlossenen Geheimnissen, zwischen zwei konkurrierenden Freiheitserzählungen, jeweils versinnbildlicht von Tyrell und Mr. Robot.

Schon bis hierin ist Mr. Robot die aufregendste Serie, die das Internetfernsehen derzeit bietet. Und dabei haben wir von Elliots selbstsüchtiger Mutter, seinem schwächlichen Chef und den großartigen, glaubwürdigen, komplexen, bis ins Detail zeitgenössischen Frauenfiguren, die ihn umgeben, noch nicht einmal angefangen.

"Mr. Robot" läuft derzeit in der ersten Staffel auf USA Network. In Deutschland ist die Serie über iTunes abrufbar.