"Wir leben in einer Epoche unbegrenzter Möglichkeiten," sagt der Chirurg Dr. John W. Thackery in seiner Trauerrede für seinen Kollegen und Vorgesetzten: "Wir haben in den letzten fünf Jahren mehr über den menschlichen Körper erfahren als in den vergangenen 500 Jahren. Vor 20 Jahren war 39 unser erwartetes Lebensalter, heute sind es mehr als 47." Der Mann, der hier beerdigt wird, ist an den Extremen, die um 1900 in New York herrschen, zerbrochen. Aus Verzweiflung über seine Machtlosigkeit hat er sich eine Kugel in den Kopf gejagt.

Thackeray gibt nicht so schnell auf, unermüdlich experimentiert er mit neuen Behandlungsmethoden und entwickelt innovative Operationsgeräte. Doch auch bei ihm haben der Druck und die Verzweiflung Spuren hinterlassen. Clive Owen spielt den frisch zum Chefarzt ernannten Chirurgen Dr. John W. Thackery als einen Getriebenen, der die Wissenschaft weiterbringen will, aber seine eigene Hoffnungslosigkeit mit Opiumpfeifen und Kokainspritzen betäubt. Wenn er morgens in der Kutsche zur Arbeit fährt, steht auf seiner Haut bereits der Schweiß, ist sein Blick glasig, sind seine etwas zu langen Haare strähnig und wirr: Dieser Arzt ist alles andere als ein Gott in Weiß, er ist ein fehlbarer Mensch mit Makeln und Zweifeln. Doch ähnlich wie der ebenfalls von Clive Owen gespielte Louis Salinger in Tom Tykwers The International macht der zermürbende Berufsalltag auch ihn nur noch unerbittlicher.

The Knick ist eine Krankenhausserie, die 1900 im New Yorker Knickerbocker Hospital, kurz The Knick, spielt. Doch obwohl es eine Krankenhausserie ist, laufen die Verwicklungen zwischen Patienten und Personal nicht so konventionell ab, wie man das von bekannten Vorgängern wie Die Schwarzwaldklinik, Doctor’s Diary, Emergency Room oder Grey’s Anatomy gewohnt ist. Andernfalls hätte sich der große amerikanische Regisseur Steven Soderbergh (Ocean’s Eleven, Out of Sight, Contagion), der als Produzent, Regisseur, Kameramann und Editor der Serie fungiert, wohl kaum so schnell wieder aus der selbst gewählten Kreativpause zurückholen lassen.

Eine große Wunde klafft

Um die Jahrhundertwende war die Medizin eine sehr viel riskantere und blutigere Angelegenheit als heute. Gleich die erste Operation, die in The Knick gezeigt wird, ein Kaiserschnitt, erinnert eher an Rembrandts Anatomie des Dr. Tulp als an moderne, antiseptische Operationstechnik. Das Skalpell durchschneidet die Bauchhaut der Hochschwangeren, bis eine große Wunde klafft und Blut schwerfällig herausquillt. Über ein röchelndes, handbetriebenes Absauggerät werden nacheinander drei Gläser mit dunkel sprudelndem Blut gefüllt, bis mit der Blutung auch der Atem der Patientin zum Stillstand kommt.

The Knick ist ein Kostümdrama, in dem die Vergangenheit nicht nostalgisch verklärt, sondern so hart und grausam geschildert wird, wie sie tatsächlich war. Die Bilder sind in schummrig düsteres Licht getaucht und mit beweglichen, digitalen Handkameras aufgenommen. Kein Historien-Tableau, sondern ein authentischer, dreckiger Lebensraum in seuchengeplagten Slums und schummrigen Opiumhöhlen. In dunklen Gassen wird um Patienten gefeilscht, in finsteren Kellern entwickeln die Ärzte archaische Geräte.