Gegenüber der Literaturkritik hatten Filmkritiker immer einen entscheidenden Nachteil: Während die Literaturkritiker Textbausteine benutzen können, um ihre wilden Anschuldigungen zu belegen, müssen Filmkritiker in ihren Texten immer beschreiben, was auf dem Bildschirm passiert. Zu einem gewissen Grad kritisieren sie deshalb stets nur das, was sie selbst in Worte fassen können. 

In seinem Artikel The Video Essay schreibt der amerikanische Kritiker Matt Zoller Seitz: Filmkritiker "konnten sich auf die Form konzentrieren oder auf den Inhalt oder auf eine Mischung aus beidem. Sie konnten sich über den Stil eines Filmemachers Gedanken machen oder über seine Themenwahl. Aber eines konnten sie nicht: das Objekt ihrer Kritik zitieren, um es besser zu untersuchen, zu beleuchten oder zu diffamieren."


Seitz gehört zu einer wachsenden Bewegung von amerikanischen Filmkritikern, die jetzt sozusagen Waffengleichheit herstellt: Statt Texte über Filme zu schreiben, produzieren sie eigene Filme, um andere Filme zu analysieren. Das neue Genre heißt "Video-Essay" und während es in Deutschland noch so gut wie gar keine Rolle spielt, nehmen amerikanische Universitäten Video-Essays schon als Bewerbungen an.

Amerikanisches Amateurtheater

Video-Essayisten nutzen Filmausschnitte, schneiden sie für ihre Zwecke neu zusammen und verbinden sie mit der rhetorischen Struktur kritischer Essays. Die Video-Essays von Tony Zhou zum Beispiel, die auf Vimeo und YouTube Hunderttausende erreichen, werfen jeweils genau eine Frage auf: Wieso sehen die Filme von Michael Bay aus, wie sie aussehen? Wieso wirken die amerikanischen Gegenwartskomödien wie Amateurtheater, wenn man sie mit den viel einfallsreicheren Komödien des britischen Regisseurs Edgar Wright vergleicht? Wieso war Robin Williams immer dann am besten, wenn er mit Regisseuren gearbeitet hat, die ihm lange Sequenzen ohne Schnitte zur Verfügung stellten? Für seine Antworten nimmt Zhou die Arbeiten der jeweiligen Regisseure oder Schauspieler geduldig auseinander, Stück für Stück, solange, bis sie ihr Geheimnis preisgeben.

Tony Zhous Video-Essays haben nicht nur gezeigt, dass es ein großes Publikum gibt, das sich gern mit technischer Filmanalyse beschäftigen möchte. Sie haben auch zahlreiche Nachahmer inspiriert: Mittlerweile ist der Video-Essay zu einem genuin digitalen Ausdrucksmittel wie dem Tweet oder dem Thread geworden. Oft sind die Argumentationen so dicht, dass man am Ende eines Absatzes noch einmal zurückspringen möchte. Deshalb braucht man nicht nur einen Bildschirm, sondern außerdem einen Ladebalken.

Eine europäische Disziplin

Ursprünglich war der Essayfilm eine europäische Disziplin. Doch Regisseure wie Alexander Kluge, Edgar Reitz, Jean-Luc Godard oder Harun Farocki beschäftigten sich tendenziell eher mit den politischen und sozialen Realitäten von Film. Den amerikanischen Essayfilmern der Gegenwart geht es hingegen um die mediale Wirklichkeit: "Visuelle Alphabetisierung sollte schon in Schulen unterrichtet werden", hat Tony Zhou einmal auf Reddit geschrieben, "meine Hoffnung ist, dass es (...) eines Tages so leicht und so normal sein wird, Video-Essays herzustellen, dass wir uns visuell ausdrücken, ohne weiter darüber nachzudenken."