Wie das ist mit der Fortsetzung eines Publikumserfolgs, hätte man sich ja schon beim Namensgeber anschauen können: Goethes Faust war ein echter Kracher, aber wer bitteschön ist über die ersten zehn Seiten des zweiten Teils der Tragödie hinaus gekommen? Doch die Logik des Kapitalismus hat ihre Zwänge und unbarmherzigen Gesetze: Bora Dagtekins Komödie Fack ju Göhte war der Publikumsrenner des Kinojahres 2013 und eine recht erfrischende Überraschung noch dazu: Sicher, ein wenig überinstrumentiert und auch in der Mimesis jugendlicher Hartzer-Sprache nicht mehr so fürchterlich originell, aber doch ein wohlgezielter Schlag sowohl gegen bildungsbürgerliche Erziehungsfantasien als auch gegen pädagogische Träume von der umfassenden Resozialisierbarkeit der sogenannten bildungsfernen Schichten. Ergebnis: Mehr als sieben Millionen Zuschauer und der Kultstatus für sämtliche Mitglieder der Klasse 10b der Goethe-Gesamtschule, allen voran für deren unfreiwilligen Lehrer, den Ex-Knacki Zeki Müller (Elyas M’Barek) und für die Oberdoofbratze Chantal (Jella Haase).

Teil zwei musste kommen. Gerade einmal zwei Jahre hat es gedauert. Die Besetzung ist nahezu identisch, inklusive Katja Riemann, die sich als übellaunige Schuldirektorin vielleicht selbst so nahe ist wie nie zuvor. Das Resultat ist schlimmer als befürchtet. Dass die Handlung von Teil zwei noch hanebüchener ist als die bereits sehr hanebüchene Handlung von Teil eins – geschenkt. Darum geht es ja auch gar nicht. Die 10b wird auf Klassenfahrt geschickt. Und um dem verhassten Schillergymnasium Fördergelder für ein soziales Projekt abspenstig zu machen, muss es an einen Ort gehen, an dem es noch etwas anzupacken gibt. Also nicht das Robbenprojekt an der Nordsee.

Dass es dann ein thailändisches Kaff wird, ergibt sich aus dem unglücklichen Umstand, dass der Rest von Zekis Diebesbeute aus Versehen als Spende eben dort landet. Zeki muss hin, um die Diamanten zu retten; die Klasse kommt mit. Als Quotenbehinderter wird der autistische Etienne mit in den Flieger geladen, dessen Darsteller Lucas Reiber den einzigen Lichtblick bildet. Von nun an läuft das Drehbuchmaschinchen wie am Schnürchen: Klassenbesäufnisse in thailändischen Table-Dance-Bars mitsamt Muschi-Pingpong, ein paar mit Kokosnüssen um sich werfende Affen, der ewige Konkurrenzkampf zwischen den Schiller- und den Goethe-Schülern und deren beiden Lehrern und ein paar mal mehr, mal weniger gelungene rhetorische Chantalismen in Strandkulisse.

Alles, was im ersten Teil noch spontan, überraschend und anarchisch daherkam, verkommt nun zu bloßer Routine. Die Schimpfwörter und Beleidigungen fliegen im Minutentakt durch die Luft: "Gruppe Arschloch", "Missgeburt", "Fresse". Man guckt sich noch nicht mal mehr an dabei. Läuft von alleine, Gröhlgarantie beim Fanpublikum eingebaut, muss man nicht mehr dazu tun. Im Gegensatz zu Teil eins fehlt allerdings das Korrektiv, der Kontrast: Wolkenkuckucksheim-Pädagogin Lisi Schnabelstedt (Karoline Herfurth) ist aufgrund eines Schülerstreichs gezwungen, zu Hause zu bleiben. Das erspart dem Zuschauer zwar jede Menge nervtötendes Augengerolle hinter der Fensterglasbrille wie im ersten Teil, sorgt aber andererseits dafür, dass das Gute von anderer Seite in die Welt kommen muss, nämlich von Zeki und seiner Proletenclique selbst.

Hier beginnt das eigentliche Problem von Fack ju Göhte 2: Die Deppen dürfen keine Deppen bleiben. Es muss alles gut werden, sozial gesehen und überhaupt. Und so ergießt sich spätestens nach 60 Minuten eine schwer erträgliche Wohlfühlpampe über das thailändische Chaos-Szenario. Eine Wunderheilung gewissermaßen: Zeki entdeckt den pädagogischen Eros und wird zum Moralprediger, der Vorträge hält über das Geben und das Zurückgeben. Behinderte werden inkludiert, gefallene ostasiatische Straßenkinder auf den rechten Weg zurückgeführt und die Eltern in der Heimat per SMS davon überzeugt, dass sie ja eigentlich ganz, ganz tolle Kinder haben, die nur ein bisschen vom Weg abgekommen sind.

Neben seiner politisch grundsätzlich unkorrekten Komik hatte der erste Teil zugleich etwas zutiefst Beunruhigendes: Er zeigte, dass da etwas heranwächst, das vom System nicht mehr kontrolliert werden kann, sondern nur noch von einem, der sich selbst bereits außerhalb dieses Systems positioniert hatte. Der Abschaum war mitten unter uns, und er wollte unter sich bleiben. Fack ju Göhte 2 tätschelt dieses bedrohliche Potenzial zurück auf Erträglichkeitsmaß. Chantal & Co. sind putzige Figürchen geworden, Knallchargen, die ihren Frieden mit der Welt gemacht haben und ab und an ihrem Lehrer nochmal einen lustigen Streich spielen. Damit unterscheiden sie sich nicht mehr von den Paukerfilmen der 1970er-Jahre. Jetzt warten wir auf Teil drei. Dann nicht mehr mit Uschi Glas, sondern mit Hansi Kraus in einer Gastrolle.