"Und nun hab' ich ein Werk vollbracht, das Feuer und Eisen / Nimmer zerstört, noch Jupiters Zorn, noch zehrendes Alter", schreibt der römische Dichter Ovid ganz unbescheiden am Ende seiner Metamorphosen. So gern man einen solchen Angeber widerlegen würde – Ovids Prognose hat sich bisher bewahrheitet: Seine gedichteten Verwandlungsanekdoten, die davon berichten, wie aus dem selbstverliebten Narziss eine Blume und aus der talentierten Weberin Arachne eine Spinne wird, sind erhalten geblieben; nicht nur im Lateinunterricht, sondern auch in der Populärkultur.

Das Prinzip der Metamorphose hat die Superhelden-Comics nachdrücklich geprägt. Wo sie nicht vom Kampf Superheld gegen Superschurke erzählen, da berichten sie, welche Umstände überhaupt erst dazu geführt haben, dass sich normale Menschen in Superhelden oder Superschurken verwandelt haben. Man nennt das dann bloß nicht mehr Metamorphose, sondern Origin Story.

Wenn es an der Fernsehserie Gotham etwas wirklich Originelles gibt, etwas, das über andere TV-Comic-Adaptionen hinausgeht, dann das: Sie bricht mit dem alten Prinzip der Metamorphose. Was Feuer und Eisen und Jupiters Zorn nicht geschafft haben, das versucht jetzt Gotham-Showrunner Bruno Heller, der zuvor unter anderem für die sehr gewitzte Krimiserie The Mentalist verantwortlich war. Sein neues Projekt Gotham ist eine Mischung aus Polizeiserie und Superhelden-Action, bloß ohne Superhelden, und ungefähr das beste Guilty-Pleasure-Fernsehen, das man gerade zu sehen bekommt.  

Monster und Geisteskranke

Kurz zur Erinnerung: Gotham ist der Versuch, die Welt des dunklen Superhelden Batman zu erzählen, aber vor und ohne Batman. Der heißt hier noch ausschließlich Bruce Wayne und ist ein zehn Jahre alter Junge, der den Tod seiner Eltern verarbeiten muss. Die nominelle Hauptfigur der Serie ist der Polizist James Gordon (Ben McKenzie), ihre Hauptattraktion ist er nicht. Das Versprechen von Gotham ist es, die ganze Rogues Gallery aufzustellen, die das Batman-Universum zur Verfügung hat, also all die Verbrecher, Monster und Geisteskranken, die dem Superhelden später das Leben schwer machen werden. Bloß, dass sie in Gotham noch nicht voll entwickelte Superschurken sein sollen, sondern Anfänger, Aufsteiger, Teenager oder sogar noch Kinder.

Am meisten packen einen diese Einführungen der Bösen aber seltsamerweise dann, wenn ihre Entstehung überhaupt nicht erklärt, keine Metamorphose gezeigt wird und niemand in einen Tank mit radioaktivem Gift fällt, der ihn mutieren lässt. Die mit Abstand beste der neuen Gotham-Folgen zum Beispiel verzichtet auf jeden Ursprungs- und Schöpfungsmythos: Gordon wird zu einem Mordfall in einem Zirkus gerufen, und zwischen all den Freaks und Außenseitern fällt einem der Sohn der ermordeten Frau sofort ins Auge: der rothaarige Teenager Jerome mit seinem immer etwas zu breit wirkenden Mund, von dem selbst dann ein subtiles Grinsen ausgeht, wenn das restliche Gesicht voller Traurigkeit ist. 

Unterwelthierarchie vom Gotham

Im Verhörzimmer lässt Jerome die Maske dann fallen, in einer einzigen sanften Bewegung weicht die Persona des weinenden Halbwaisen der des grinsenden Psychopathen. Obwohl dieser Name nicht fällt, man ahnt: Hier hat Batmans Erzfeind, der Joker, seinen ersten Auftritt. Der erst 22 Jahre alte Cameron Monaghan (Shameless) spielt das so furchteinflößend, dass man ihn sofort als den würdigen Nachfolger von Heath Ledger ausrufen möchte. Vergesst Jared Leto! Allein für die knapp fünf Minuten im Verhörzimmer mit Monaghan lohnt sich Gotham: "Warum haben Sie ihre Mutter getötet?", fragt Gordon. Ach, antwortet Jerome: "Sie wissen doch, wie Mütter sind."

Der Joker scheint hier schon der Joker zu sein, alle Metamorphosen sind überflüssig. So wie auch der Pinguin (Robin Lord Taylor) von Anfang an Pinguin genannt wird, die Gesichtszüge eines Vogels trägt und Regenschirme hält. Dass sein Gang im Laufe der Serie watscheliger wird, ist da nur noch minimale kosmetische Veränderung. Er bleibt der gleiche Außenseiter und Verlierer, der gleiche Emporkömmling, den keiner so richtig um sich haben will, egal, wie weit der Pinguin in der Unterwelthierarchie von Gotham aufsteigt. Der Pinguin schleimt, er bettelt, er betrügt, er jammert, er hintergeht – seine Methoden ändern oder verbessern sich nicht, sie bringen ihn nur irgendwann durch Beharrlichkeit oder durch Glück zum erhofften Erfolg.