Reden wir zur Abwechslung vom Fußball. Schließlich hat Matthias Schoenaerts, als er jung war – und das ist noch nicht so lange her –, selbst aktiv gespielt, im belgischen Antwerpen beim Beerschot AC. Klar hat er da auch Tore gemacht, das gehört sich so für einen Linksaußen, aber genauso schön war es, den Mittelstürmern die entscheidenden Pässe zu servieren. "Ich muss nicht immer die Nummer eins sein", sagt Matthias Schoenaerts. "Als Schauspieler bin ich manchmal im Sturm, manchmal Verteidiger, das find ich klasse."

Matthias Schoenaerts (auszusprechen etwa: S-chohn-erz), der 37-Jährige, den viele längst als Rivalen von Leonardo DiCaprio oder mindestens Michael Fassbender sehen, wirkt ausgesprochen sportlich relaxed an diesem Nachmittag beim Filmfest in Venedig. Am Vortag war Premiere von A Bigger Splash, die Premierenfeier nicht zu vergessen, und heute hat sich das Team bei TV- und Gruppeninterviews schon den Mund fusselig geredet. Ein paar Tage zuvor hatte es den ganzen Rummel schon einmal gegeben, schließlich hatte er mit The Danish Girl einen zweiten Film am Lido. Okay, nachher ein power nap, hat er sich verdient. Aber jetzt noch mal topfit sein, das ist Ehrensache.

Weil er auf dem Platz die Assists, die tollen Pässe, gibt, darf man ihn auch am Set ungestraft einen supporting actor nennen. Im Tom Hoopers Transsexuellen-Drama The Danish Girl ist er ein echter Nebendarsteller für Eddie Redmayne und Alicia Vikander, mit beiden auf durchdringend diskrete Weise verknüpft – dem einen gibt er den treuen Jugendfreund, der anderen (im Film immerhin Redmaynes Frau) den zart verliebten Galeristen.

Ein bisschen anders liegen die Dinge in A Bigger Splash, Luca Guadagninos Remake von Jacques Derays unkaputtbarem Erotikthriller Der Swimmingpool (La piscine, 1969) um die folgenschweren Techtelmechtel vierer Erholungssuchender an einem Mittelmeer-Pool. Als Wiedergänger von Alain Delon spielt er, an der Seite von Tilda Swinton und Dakota Johnson, den Gastgeber im Quartett infernal, aber so richtig rockt nur Ralph Fiennes als koksender Konzertveranstalter das Sommerhaus. Was Schoenaerts nicht stört: "Filme erzählen Geschichten über Menschen. Hauptsache, sie taugen was. Da werde ich doch niemandem das Scheinwerferlicht klauen."

Wer im Filmbusiness so bescheiden redet, hat in der Regel allen Grund zum Selbstbewusstsein. Und tatsächlich, ob hier Haupt- oder dort Nebendarsteller: Matthias Schoenaerts ist so etwas wie das Energiezentrum seiner Filme, ja, der Schauspieler, der ihnen – gefühlvoll und unsentimental – ihren eigentlichen Herzschlag verleiht. Spätestens seit der Rolle als alleinerziehender Kickboxer in Jacques Audiards Der Geschmack von Rost und Knochen (De rouille et d’os, 2012), die ihn als Partner von Marion Cotillard in der Rolle einer nach einem Unfall beinamputierten Orkashow-Animateurin berühmt machte, haftet ihm dieses Image an: Stark und sanft trägt er die schöne Versehrte durch den Film, dient ihr klaglos, beginnt sie zu lieben, lässt sie leuchten.

Diese Aura ist noch eher frisch. Nach einem Schauspielstudium, über dessen Abschlussnoten Matthias Schoenaerts lieber schweigt, um nicht eitel zu erscheinen, und ein paar kleineren Filmrollen hatte der Sohn des populären belgischen Theater-Mimen Julien Schoenaerts erstmal das Image des Monsters weg, wenn auch eines der sensiblen Art. In Michael R. Roskams Agrarmafia-Thriller Bullhead (Rundskop, 2011) spielte er einen mit Steroiden vollgepumpten Viehbauern – und schon pappten ihm angelsächsische Kritiker begeistert das Etikett "the muscles from Brussels" und "beefy star" an. Als gelte es geradezu, dem Publikum ein versehentlich Mensch gewordenes, besonders saftiges Rumpsteak anzupreisen.