Dieser Angermann gehört zu den fiktionalen Figuren des Films, es hat ihn in Wirklichkeit nicht gegeben. Aber sie dient nicht der dramaturgischen Vereinfachung, sondern ist ein intelligenter Einfall der Filmemacher. Angermann ist schwul. Das gibt ihnen einerseits die Möglichkeit, das Ausmaß der Repressionen im Adenauer-Deutschland herauszuarbeiten, in dem noch der von den Nationalsozialisten verschärfte "Schwulenparagraf" 175 galt, nach dem homosexuelle Handlungen mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden sollten. Endgültig abgeschafft wurde der Paragraf übrigens erst 1994.

Andererseits spiegelt Angermann auch die Hauptfigur Fritz Bauer, der tatsächlich homosexuell war. Wie und ob er seine Neigung in seinen späten Jahren auslebte, ist nicht bekannt und spielt auch keine Rolle. Aber sie macht Bauer, den deutschen Juden und 1936 unter Zwang emigrierten Sozialdemokraten, noch einsamer und gebrochener. Moralische Autorität gewinnt Bauer erst aus diesen Brüchen heraus und Dank seiner bezwingenden Persönlichkeit. Burghart Klaußner spürt dieser faszinierenden Figur bis in ihre Tiefen nach – eine wahrhaft oscarreife Leistung.

Auch der Rest des Ensembles spielt in Bestform: der gegen den Strich besetzte Ronald Zehrfeld, der schneidend scharfe Jörg Schüttauf und der mit herrlicher Fistelstimme chargierende Sebastian Blomberg. Diesen Schauspielern ist zu verdanken, dass Der Staat gegen Fritz Bauer seine dramatische Wucht – wie auch seine komödiantischen Verschnaufpausen – aus den Figuren heraus entwickeln kann. Kraume hat es gar nicht nötig, auf Konventionen des Gefühls- oder Ausstattungskinos zurückzugreifen, ein Problem, unter dem Im Labyrinth des Schweigens durchaus stellenweise leidet.

So wird ein Mann dem Vergessen entrissen, dessen Anliegen Aufklärung war, nicht Rache. Ohne Fritz Bauers Einsatz wäre das moderne Deutschland nicht vorstellbar.