Die wichtigsten und mächtigsten Personen sind die, vor denen man Geständnisse ablegt. Heute sind das seltener Geistliche als früher. Kinder und Enkel verlangen auch nicht mehr so oft Rechenschaft. Dafür gibt es jetzt Profis, also Polizisten und Therapeuten. Ihre charismatische Macht kommt von einem alten Übertragungsmechanismus: Man glaubt, dass jemand, dem man nach bestem Wissen und Gewissen alles erzählt, über einen höheren Standpunkt verfügen müsse, von dem aus er überblicken kann, ob es richtig war, was man getan hat, oder erst mal: was eigentlich wirklich passiert ist.

Das weiß man ja manchmal nicht so genau, wie auch die amerikanische Serie The Affair wieder zeigt. Die titelgebende Liebesgeschichte sehen wir darin doppelt: eine halbe Stunde jeder Episode aus ihrer Perspektive, die andere halbe Stunde aus seiner. Diese Perspektiven unterscheiden sich natürlich sowohl im Detail als auch in entscheidender Hinsicht. Der Verschiebungseffekt wirkt: Trotz aller postmodernen Erfahrung neigt man auch heute noch dazu, bewegte Bilder für wahr zu halten. Bei The Affair bekommt man statt einer Realität derer zwei gezeigt. Und beide sind gleichermaßen wahrscheinlich.

Weil der Zuschauer nicht weiß, was er glauben soll, setzt er seine Hoffnungen deshalb auf Kommissar Jeffries, der beide Hauptfiguren vernimmt. Wobei sein Interesse an der Affäre auch ein wenig eigenartig wirkt, soll er doch eigentlich den Mord an einer Person aufklären, die mit der Affäre nur am Rande zu tun hat. Jeffries scheint ein ganzheitlich denkender Kriminaler zu sein, er vereint in sich die Rolle des Ermittlers und des Psychoanalytikers.

Das Allwetter-Gesicht des Schriftstellers

Der Mord hat sich in Montauk ereignet, der berühmtesten Sommerfrische der Welt, einige Autostunden von New York entfernt. Ein Rancher, der in den örtlichen Drogenhandel verwickelt ist, wurde überfahren. Kommissar Jeffries vernimmt dessen Schwägerin Alison (Ruth Wilson) und den Schriftsteller und Urlauber Noah Solloway, gespielt von dem aus der Serie The Wire bekannten Dominic West. Dessen Allwetter-Gesicht verleiht ihm die im Film wie im Leben seltene Gabe, als Familienvater und als passionierter Liebhaber gleichermaßen sturmumtost und charaktervoll auszusehen.

Noahs minderjährige Tochter wiederum war schwanger von dem späteren Opfer, was den Verdacht auf ihn lenkt. Getrennt voneinander müssen Alison und Noah nun angeben, dass und wie sie sich im betreffenden Sommer kennengelernt haben, und wie es kam, dass sie nicht voneinander lassen konnten. Die Vorstellung, die eigene Glaubwürdigkeit vor dem Gesetz hänge davon ab, dass man mit seinem Liebespartner übereinstimmend die gemeinsame Beziehung wiedergebe, könnte sicher noch den Ehrlichsten an sich selbst zweifeln lassen.

Unterschied der Sichtweisen

An der Liebe in The Affair will dagegen keiner der Beteiligten schuld sein. Beide sind in ihrer Erinnerung irgendwie arglos oder zumindest überfordert da hineingeschlittert. Der selbstbewusste Verführer ist immer der andere. Dieser fundamentale Unterschied der Sichtweisen regt einerseits zu einer Reihe psychologischer Makrobeobachtungen an. Darüber, wie man sich immer zuerst in die Vorstellung verliebt, die man von einem Menschen hat, was fatalerweise blind macht für dessen wahre Gestalt, seine Mängel, ja vielleicht für sein Unglück. Darüber, dass die Liebe dem anderen eine Macht gibt, die ihn stark und glänzend erscheinen lässt, während er sich wahrscheinlich gerade (wie man selbst) schrecklich unbeholfen fühlt.