Man sagt immer, in der DDR wäre alles so grau gewesen. Aber das stimmt nicht. Senffarben – das trifft es schon eher. Senffarben mit Schlieren von Grau und Grün. Ein Farbton, der entsteht, wenn man Schwarz, Rot und Gold mischt. Dieser Farbton, das ist die DDR.

Man kann ihn sehen und fühlen in der dritten Staffel der Serie Weissensee, die die ARD pünktlich zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit zur besten Sendezeit als Doppelfolge zeigt. Es sei gleich gesagt: Von der ersten bis zur letzten Sequenz ist diese Serie gelungen. Man möchte der ARD zurufen: Na also, geht doch! Die gute alte ARD kann tatsächlich sehenswerte Serien produzieren, ganz ohne Christine Neubauer. Man ist versucht, sich zu fragen, wann ihr so ein Meisterstück wie Weissensee das letzte Mal gelungen ist. Es muss noch vor Drei Damen vom Grill gewesen sein.

In einer Folge steht der Stasi-Major Falk Kupfer (Jörg Hartmann) am Tag des Mauerfalls vor ockerfarbenen Fliesen, während draußen die Menschen gen Westberlin stürmen, die Herzen sind froh und frei. Falk Kupfers Herz aber will schlappmachen. Schon in der zweiten Staffel, die in der Mitte der achtziger Jahre spielt, rebellierte es in der Brust des beinharten Staatsdieners, als wären selbst ihm die Überzeugungen seines Besitzers zuwider. Kupfer braucht dringend eine Zigarette, doch aus dem Feuerzeug will kein Flämmchen mehr schlagen. Es scheint, als wolle alles in diesem Moment kaputtgehen. Außer der Familie, die ist schon kaputt.

Bestie auf leisen Sohlen

Mit Jörg Hartmann wurde die Rolle brillant besetzt. Er ist die eigentliche Hauptfigur in dieser dritten Staffel: ein unscheinbarer Mann mit einer unheimlichen Selbstbeherrschung, dessen Gesicht die Farbe seiner Uniform angenommen hat. Mit einem Blick, kalt wie die Schulterstücke, und einem Mund, schmal wie ein Stift, der es gewohnt ist, Verhängnisvolles zu unterschreiben. Kupfer ist eine Bestie auf leisen Sohlen. Er hat das Leben seines Bruders Martin (Florian Lukas), der durch ihn Frau und Kind verloren hat, restlos zerstört.

Martin wiederum hat noch nie an die DDR geglaubt, aber als die Mauer fällt, weiß er nicht, an was er stattdessen glauben soll. In seinem Gesicht haben Zweifel und Misstrauen längst ein Bleiberecht und lassen sich auch dann nicht vertreiben, als er sich in die Westberliner Journalistin Katja (Lisa Wagner) verliebt. Womöglich ist es einfacher, in permanenter Ablehnung zu leben, als sich plötzlich zwischen vielem, was die Freiheit einem beschert, entscheiden zu müssen.

Objekt der Beschattung

Spätestens jetzt wird klar, dass die Drehbuchautoren Annette Hess und Friedemann Fromm mehr wollten, als eine düstere Stasi-Serie zu schreiben. Es geht um Vielschichtigkeit und Ambivalenz: Falk Kupfer ist nicht nur der Stasi-Offizier, der dem System willenlos ergeben ist. Er ist auch ein treusorgender Familienvater, der sich rührend um die Tochter kümmert. Hinter dem Amt verbirgt sich der Mensch und nichts ist nur schwarz oder weiß.