Ob der Mensch wirklich mehr ist als die Summe seiner Körperteile, hängt letztlich vielleicht von den Umständen ab. In dem Film Beasts of No Nation gibt es jedenfalls einen Punkt, an dem der Körper des neunjährigen Jungen Agu von alleine läuft. Der Kindersoldat watet durch schlammige Schützengräben und nimmt das Gefühl, innerlich vollkommen leer zu sein, mit einer gewissen Erleichterung an. Seit auch sein letzter Freund tot ist, der schweigende Killer Strika, gibt es niemanden mehr, um den Agu sich Gedanken machen muss. Er ist nun ein echter Krieger.

Beasts of No Nation ist der erste Film, der in den USA gleichzeitig auf Netflix und in den Kinos anläuft, in Deutschland wird er sogar ausschließlich auf der Streaming-Plattform zu sehen sein. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Romans des amerikanischen Schriftstellers Uzodinma Iweala, der gerade 23 war, als das Buch im Jahr 2005 veröffentlicht wurde. Dem Guardian ist damals aufgefallen, dass das Wort "Hoffnung" in dem gesamten Text genau drei Mal auftaucht: Einmal im Motto, einem Zitat aus Rimbauds Textsammlung Une saison en enfer, in dem es darum geht, dass der Ich-Erzähler endlich alle Hoffnung abgelegt hat. Und zwei Mal als Spitzname eines Jungen, der bei seinem zweiten Auftritt allerdings schon tot ist.

Der Roman hat damals auch deshalb weltweit die Kritiker überwältigt, weil er vom Krieg erzählt wie Ernst Jüngers In Stahlgewittern: unmittelbar, sinnlich und aus der Teilnehmerperspektive. Statt über Schuld und Verstrickung zu reflektieren, sucht der Roman nach dem Schauwert des Gemetzels und dem befreienden Moment radikaler Selbstaufgabe. Was es mit einem anstellt, wenn man als ehemaliger Zivilist in einem bestialischen Kollektiv aufgehen darf, hat vor Uzodinma Iweala unter anderem schon Ferdinand Céline und Erich Maria Remarque interessiert. 

Käufliche Traumfabrik

Die Verfilmung stammt nun von Cary Fukunaga, der mit seiner Regiearbeit für die ersten Staffel von True Detective berühmt geworden ist. Anders als der Roman beginnt der Film mit einer Medienmetapher: Agu versucht in seinem Dorf einen hohlen Fernsehkasten zu verkaufen, in dem der Bildschirm und die Rückwand fehlen. Er stellt ihn einem der nigerianischen Soldaten vor die Nase, die im Land für Frieden sorgen sollen, und sagt: "Das ist ein Fernseher der Vorstellungskraft." Der Soldat handelt Agu runter und kauft die Traumfabrik. Er besitzt jetzt einen Fernseher, in dem er wirklich nur sieht, was er will.

Danach geht es schnell bergab: Die Truppen der nicht näher benannten korrupten Regierung fallen in das Dorf ein und erschießen Agus männliche Verwandte vor seinen Augen. Er flieht in den Dschungel, ernährt sich von Pflanzen, erbricht sich und wird ausgemergelt von einer Rebellentruppe aufgesammelt. Das ist der erste Auftritt des Commandant. Agu und der Zuschauer erblicken ihn gemeinsam.

Afrikanischer Akzent

Idris Elba legt die Rolle ziemlich genau so aus wie Brad Pitt zuvor die des Lieutenant Aldo Raine in Quentin Tarantinos Inglourious Basterds. Allerdings versieht er den lässigen Psychopathen mit einem undefinierten afrikanischen Akzent, den sich der gebürtige Londoner auch erst antrainieren musste, was etwa zu gleichen Teilen übergriffig und strukturbedingt ist, also vermutlich interessant. Bei seinem ersten Auftritt kommt er jedenfalls aus dem Dschungel ans Licht, zeigt auf Agu und fragt: "Wer hat dieses Ding hierher gebracht?" Wobei das "Ding" Agu sein kann oder der Zuschauer oder der ganze verdammte Krieg.

Der innere Kampf, den Agu von nun an auszutragen hat, reduziert sich einerseits auf die Frage, ob er als Mitglied der Rebellen weiterleben möchte oder auf der Stelle sterben. Andererseits vollzieht sich hier aber auch die fachgerechte Demontage eines sozialen Individuums. Eine Filmstunde lang steht der Verstand des Jungen der mitreißenden Kraft des Guerillakrieges abwägend und distanziert gegenüber. Erst als das Bataillon dem Jungen Drogen gibt, gibt er sich hin: In einer fünfzehnminütigen Sequenz, die sich ihre Optik von Alice im Wunderland und dem Burning Man Festival geliehen hat, fällt Agu in Dörfer ein, schlachtet Zivilisten ab, fliegt schwerelos durch eine Serie von Vergewaltigungen und Enthauptungen.

Mensch oder Tier

Nach Beasts of the Southern Wild ist Beasts of No Nation schon der zweite Film in dieser Dekade, der die Frage aufwirft, ob der globale Norden die Bevölkerung im globalen Süden eher den Menschen oder den Tieren zuteilt. Der erste handelt vom Klimawandel, der im Süden ganze Inseln von der Karte wischt, der zweite nun vom Krieg um afrikanische Rohstoffe. Cary Fukunaga tippt diese Ebene nur an: Als der Commandant einmal den Rebellenführer im Hauptquartier treffen will, um sich seine Belohnung abzuholen, muss er stundenlang warten, weil vor ihm ein dicklicher Chinese in Anzug dran ist, der sich nervös an seinen schwarzen Koffer klammert.

Diese Begegnung im Wartezimmer ist der einzige Moment, in dem Beasts of No Nation die globale Perspektive aufzieht. Der chinesische Geschäftsmann und der Commandant tauschen nur einen kurzen Blick aus. Aber dieser Blick birgt das Geheimnis dieses Films: Er gibt sich als moralische Meditation über den Menschen aus, ist aber ein sachpolitischer Essay. Er stellt zwar den neunjährigen Agu in den Mittelpunkt, handelt aber eigentlich von uns.

"Beasts of No Nation" läuft jetzt bei Netflix.