Für mitteleuropäische Zuschauer, gewöhnt an strikte Waffenkontrollen und daran, sich gefahrlos in der Öffentlichkeit bewegen zu können, mag der Satz wie ein Westernklischee klingen: "Es kommt der Moment, in dem wir entscheiden müssen, wie wir sterben wollen." Für den, der ihn in dem Film Cartel Land ausspricht, beschreibt der Satz schlicht die bittere Realität.

Der Arzt José Manuel Mireles hat sich für den Kampf mit der Waffe entschieden. Er lebt in Michoacán, einem Bundesstaat im Südwesten Mexikos, und sagt, er wolle nicht abgeschlachtet werden wie Vieh. Ein Entkommen aus dem Drogenkrieg seiner Heimat gibt es für ihn ohnehin nicht. So oder so. Mireles ist die Hauptfigur in dem Dokumentarfilm Cartel Land des New Yorker Regisseurs Matthew Heineman. Ein Jahr lang hat Heineman den Arzt und dessen Bürgerwehr, die sich gegen das örtliche Drogenkartell der Tempelritter erhob, mit der Kamera begleitet. Herausgekommen ist dabei ein entsetzlicher, beklemmender Einblick in den mexikanischen Drogenkrieg.

"Was würdest du tun? Würdest du warten, bis sie dich holen kommen?" fragt Mireles den Regisseur. Auf seinem Handy zeigt er, was seinen Nachbarn geschehen ist. Ihre abgeschnittenen Köpfe liegen aufgereiht auf einer Gartenmauer, zur Warnung an alle, die sich noch gegen die Macht der örtlichen Drogengangster sträuben. Wie aus Wachs geformt sehen sie aus. "Wir sind die Nächsten", sagt der Arzt. "Und wenn die Regierung nicht für die Sicherheit ihrer Bürger sorgen kann, ist es unser Recht, zu den Waffen zu greifen."

Verstümmelte Körper sind in Cartel Land indes nur selten zu sehen – Heineman braucht gar keine expliziten Bilder, um dem Zuschauer das Grauen des Drogenkriegs unmittelbar vor Augen zu führen. Er lässt einfach die Überlebenden sprechen. In einer Einstellung berichtet eine Frau tonlos und mit leerem Blick, was ihr und ihrem Mann geschah. "Zuerst steckten sie ihn mit dem Gasbrenner bei lebendigem Leib in Brand. Dann schleppten sie vier weitere Menschen an und schnitten allen die Köpfe ab und zerstückelten die Körper. Ihre Gräber waren schon ausgehoben. Die Männer betranken sich und lachten, als sie das taten. Dann haben sie mich zu den Leichen ins Grab gestoßen und taten mit mir, was sie wollten."

Regisseur Matthew Heineman © dcm Filmverleih

Vor allem aber kommt Heinemans Kamera – für die er, ebenso wie für seine Regie, auf dem Sundance-Festival ausgezeichnet wurde – seinen Akteuren so nah, wie man es sich kaum vorstellen kann. Während einer Schießerei sucht Heineman mit seiner Kamera wie Mireles und seine Bürgerwehr hinter einem Auto Deckung. Er steht am Bett eines Drogenhändlers, als die Bürgerwehr diesen aus seinem Schlafzimmer holt. Er zeigt die Hoffnung in den Augen der Menschen, wenn der Arzt über die Dörfer zieht, um Freiwillige für seine Truppe zu werben, den Wahn in den Augen der Folterer und die Angst im Gesicht ihrer Opfer.

"Bevor ich diesen Film gedreht habe", sagt Heineman, "war ich nie in einem Konfliktgebiet. Aber Cartel Land hat mich an Plätze geführt, an denen ich mir vorher nicht hätte vorstellen können zu sein." So unmittelbar und eindringlich wie er hat wohl noch nie ein Filmemacher von Mexikos Drogenkrieg erzählt. Ohne jede Distanz oder Analyse, dafür aber mit so dichter Anschauung, dass dem Zuschauer von ganz alleine klar wird: In diesem Krieg bleibt niemand sauber, auch nicht der Arzt Mireles, der die besten Absichten zu haben scheint und seine Mitstreiter zwischendurch warnt: "Wir dürfen nicht so werden wie die Kriminellen, die wir bekämpfen." 

"Verscharrt ihn danach schnell"

Doch da hat er längst selbst seinen Leuten die Anweisung gegeben, festgesetzte Mitglieder des Drogenkartells ohne Gnade zu befragen und danach zu töten: "Diese Leute haben kein Mitleid, mit niemandem. Holt aus ihm raus, was ihr könnt, und verscharrt ihn danach schnell." Mireles flüstert, als er das befiehlt, aber weil er wegen der Filmaufnahmen ein Mikrofon trägt, hört der Zuschauer jedes Wort.

Auf einer Kundgebung der Autodefensas © DCM Filmverleih

"Krieg ist schmutzig", sagt Heineman. "Selbstverständlich rechtfertige ich nicht das Töten von Menschen. Aber was würdest du tun, was würde ich tun, wenn mein Bruder tot an einer Brücke hängt und meine Schwester vergewaltigt worden ist? Würde ich ein Gewehr nehmen, um meine Familie und meine Stadt zu verteidigen? Ich weiß es nicht. Aber ich möchte, dass meine Zuschauer sich diese Frage stellen."

In der Sicherheit Hamburgs oder Manhattans sei es leicht, Mireles zu verurteilen, findet Heinemann. In Mexiko aber liegen die Dinge anders. Das zeigt Cartel Land sehr deutlich, ganz ohne die erklärende Analyse von Experten. Vermutlich ist der Film gerade deshalb so stark. "Ich wollte keine Regierungsbeamte oder Professoren zeigen, die in schicken Anzügen in Konferenzräumen sitzen und die Welt erklären", sagt Heineman. Seine Zuschauer sollten selbst sehen und spüren, was geschieht, "die Uneindeutigkeit, die Korruption, die komplizierte Nation des Menschen. Mit Statistiken und talking heads kannst du das nicht erreichen."

Mexikos Drogenkrieg soll dem Publikum nahegehen – denn es ist auch der Krieg der USA, macht Heineman klar. "Wir haben eine gemeinsame Geschichte. Eine gemeinsame Grenze. Wir finanzieren diesen Krieg durch unseren Drogenkonsum." Zigtausende sind in Mexiko in den vergangenen Jahren gestorben, weitere Zigtausende verschwunden; "erschütternde Zahlen", sagt Heineman. "Ich hoffe, dass mein Film den Zuschauern ein Fenster in diesen Krieg öffnet und zeigt, wie er das Leben ganz normaler Mexikaner prägt, die aufstehen und zurückschlagen. Und ich will die Folgen zeigen, die sich daraus ergeben."