Das schöne Wort Blutmahlzeit erfährt in der Netflix-Serie Hemlock Grove eine sehr detailverliebte filmische Umsetzung: Es spritzt, tropft, fließt, sprüht, splattert und gluckert durch sämtliche 23 Folgen. Der Hannibal-Stoff wirkt geradezu blutarm dagegen.

Zwei Staffeln gibt es von Hemlock Grove bislang, jetzt geht sie in die dritte und finale Runde, wobei sich spätestens jetzt aufklären wird, ob die Serie noch eine Art sinnvolle, konsistente Handlung entwickelt. Viele Zuschauer scheinen sich das jedenfalls zu wünschen. Bisher besteht Hemlock Grove vor allem aus einer Aneinanderreihung verschiedenster Topoi des Horror-Genres. Das mag furchtbar klingen, ist aber wahnsinnig unterhaltsam, spannend, ironisch und manchmal sogar virtuos.

Statt einem Ortseingangsschild könnte vor der Siedlung auch stehen: "Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!" In der ersten Staffel wird die fiktive Kleinstadt Hemlock Grove in Pennsylvania gleichzeitig von Vampiren und Werwölfen heimgesucht. Hemlock Grove ist ein Ort, in dem andere Naturgesetze gelten als im Rest der Welt. Vampire heißen hier nicht einmal Vampire sondern Upire, was zunächst verwirrend ist, aber der Vampirforschung Rechnung trägt, denn Upir ist offenbar das ältere, polnische Wort für einen untoten Blutsauger.  

Überirdisch schön

In der ersten Staffel passiert das hier: Der Erbe des lokalen Medizinkonzerns, Roman Godfrey (Bill Skarsgård), und der gerade zugezogene Zigeuner rumänischen Ursprungs, Peter Rumanzek (Landon Liboiron), versuchen, eine Mordserie aufzuklären. Die beiden Jungs sind sehr verschieden: Roman ist glatt, gestört, impulsiv, arrogant, blutliebend, überirdisch schön. Peter ist unrasiert, ehrlich, ein Frauentyp, mit allen Wassern gewaschen. Als Roman in einer Vollmondnacht Zeuge der Verwandlung Peters in einen Werwolf wird, bedeutet das für beide den Anfang einer tiefen Freundschaft.

Noch in derselben Folge jagen der Werwolf und der Vampir ein mädchenreißendes Monster, das vermutlich auch ein Werwolf ist. Zwischenzeitlich verdächtigen sich beide gegenseitig, die Morde begangen zu haben. Bei der Recherche kommen ihnen unentwegt Romans Familienmitglieder in die Quere: eine Cousine, die glaubt, sie sei von Engeln geschwängert worden. Eine eiskalte, blutsaugende Mutter, die Roman einmal sogar fast verführt. Und eine röchelnde, seit Geburt verunstaltete Schwester mit riesigem Fischauge und übermenschlichen Kräften. 

Gliedmaßen in Blutsuppe

Unterstützung erfahren die beiden im Gegenzug durch Peters wahrsagende Cousine mit dem sprechenden Namen Destiny und durch eine Vampirjägerin mit dem sprechenden Namen Dr. Chasseur, obwohl die eigentlich der Anti-Vampir-Anti-Werwolf-Vereinigung Order of the Dragon angehört. 

In der Nacherzählung klingt das Ganze so wahnsinnig, wie es tatsächlich ist. Und dabei ist noch kein Wort gefallen über den Weißen Turm, das Hauptquartier des Godfrey-Medizinkonzerns, in dem der wahnsinnige, Dreiteiler tragende Wissenschaftler Dr. Johann Pryce (Joel de la Fuente) einen Homunculus züchtet und noch andere, viel wüstere Sachen, etwa ein Reservoir mit in Blutsuppe schwimmenden Gliedmaßen, die sich durstige Vampire einverleiben können, damit sie sich nicht über Lebende hermachen müssen.