Gewicht: 76 Kilogramm. Bauchumfang: 84 Zentimeter. Blutdruck: 121 zu 79. Ohne Zweifel: Für seine Größe und sein Alter ist Damon Gameau ein gesunder Mann, seine Werte liegen über dem Durchschnitt. Noch. Binnen zwei Monaten wird sich das ändern. Denn Gameau stellt etwas Wesentliches um: seine Ernährung.

Jahrelang hat sich der australische Schauspieler und Regisseur von raffiniertem Zucker ferngehalten. Für seinen Dokumentarfilm Voll verzuckert aber gibt er die Abstinenz auf und ernährt sich wie der durchschnittliche Australier. Das heißt: Er isst zwei Monate lang jeden Tag 40 Teelöffel Zucker. Nicht indem er sich im Super-Size-Me-Style von Fast Food und Süßigkeiten ernährt. Gameau bestreitet sein Pensum, indem er vermeintlich gesunde Lebensmitteln kauft: fettarmen Joghurt, Müsli, Saft.

Die Botschaft des Experiments ist deutlich und erst einmal nicht neu: In vielen Produkten stecken Unmengen Zucker, weit mehr als der Verbraucher ahnt und weit mehr als gut für ihn ist. "Zucker ist in der modernen Gesellschaft weit verbreitet. Würde man alle Artikel aus den Regalen räumen, in denen Zucker enthalten ist, blieben 20 Prozent der Artikel übrig", heißt es in dem Dokumentarfilm. Der Körper kann die Massen an künstlicher Süße, die er im Alltag aufnimmt, auf Dauer nicht verarbeiten. Die Folge sind Krankheiten.

Moderne Experimente

Voll verzuckert serviert diese Zusammenhänge frisch aufgewärmt mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen, angerichtet auf launigem Musikbett an feinsten Reimen, glasiert mit einem Zucker-Song. Das erleichtert den Abgang, liegt letztlich aber äußerst schwer im Magen. Denn zwischen Witz, Übertreibung und schrillen, schnellen Bildern zeigt sich für Damon Gameau die bittere Wahrheit. Am zwölften Tag wiegt er schon 79,3 Kilogramm, er hat Unterbauchfett und verschlechterte Leberwerte. Sein Körper reagiert auf den Zucker.

Gameau hat ähnlich wie der Super-Size-Me-Macher Morgan Spurlock ein Team aus Wissenschaftlern um sich geschart, das die Veränderungen dokumentiert und kommentiert. Die Forscher sollen zeigen: Was wir hier machen, ist wissenschaftlich relevant. Wir decken mit Bluttests, Kalorienzählen und Wiegen die größte Ernährungslüge unserer Gesellschaft auf. Wissenschaftlich haltbar ist das nicht. Gameaus Erlebnis ist kein allgemeingültiges Forschungsexperiment, sondern letztlich Entertainment. Ein Einzelfall, der sich nicht eins zu eins auf andere Menschen übertragen lässt. Die Aussagekraft des Films ist entsprechend begrenzt.

Sehenswert ist er trotzdem, denn er wirft wichtige Fragen auf: Lässt sich das, was mit dem Protagonisten geschieht, verallgemeinern? Welche Studien über gesunde Ernährung gibt es? Welche sind womöglich von der Industrie beeinflusst? Auch andere Filme haben sich mit diesen Hintergründen mal besser, mal schlechter auseinander gesetzt: Die Dokumentation Fed Up von Stephanie Soechtig etwa, Food Inc. – Was essen wir wirklich? oder zuletzt auch Arte mit dem Zwillingsernährungsexperiment Zucker oder Fett – Was schadet mehr?.

Krank in 30 Tagen

Voll verzuckert ergänzt die Aufklärungsreihe um eindrückliche Anekdoten. Gameaus Besuch bei den Aborigines in Amata, Australien, ist so eine. Oder das Treffen mit einem 17-Jährigen aus einer Kleinstadt in Kentucky, der kaum noch Zähne, dafür aber einen "Mountain-Dew-Mund" hat: ein Gebiss mit einer braunen Karies am Zahnfleischrand der Schneidezähne. Benannt nach dem Softdrink, den er und ein Großteil der Stadt seit Jahren täglich literweise trinken. Und nicht zuletzt Gameaus Wandel selbst.

Tag 18: Das Gewicht steigt, die Leber verfettet zusehends. Nach einem Monat: 81,2 Kilogramm, Bauchumfang 91 Zentimeter. Insgesamt 60 Tage und 2.360 Löffel Zucker später: 8,5 Kilogramm Gewichtzunahme, Vorstufe von Insulinresistenz, erhöhtes Risiko für Diabetes Typ II und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. "Mein Bauch sieht aus, wie der von meiner Freundin", stellt Gameau entsetzt und begeistert zugleich fest, denn seine Freundin ist schwanger. Im knallbunten Herrenslip springt Gameau durch den Garten.

In diesem zwischenzeitlich äußerst unterhaltsamen Dokumentarfilm scheint jede Szene die vorherige übertrumpfen zu wollen. Immer geht es schlimmer, schriller. Auf die Dauer ist Gameaus Gehabe deshalb schwer zu ertragen. Die einzelnen Szenen sind gutes Gif-Material, die Sätze eignen sich hervorragend für Tweets: Der Film ist ein Social-Media-Baukasten, in dem man sich bedienen kann, wenn man auf die Gefahren unausgeglichener Ernährung aufmerksam machen möchte. Als klassisches Kinoerlebnis taugt Voll verzuckert hingegen nicht. Jene, die ohne Popcorn und Eiskonfekt keine 102 Minuten Leinwandspektakel aushalten, seien gewarnt: Sie werden die Snacks sofort wieder loswerden wollen.

"Voll verzuckert - That Sugar Film" kommt am 29. Oktober in die deutschen Kinos.