Ab wann man als erleuchtet gilt, dafür gibt es keine Regel. Den einen genügt ein Aufenthalt in Indien, manche fallen vom Pferd und stoßen sich dabei so stark den Kopf, dass darin plötzlich ein göttlicher Plan erscheint, und andere werfen sich ein Bettlaken um und lieben danach die ganze Welt. Und es gibt Menschen, die betreten einen Apple-Store, wo ihnen kleine und größere Geräte gereicht werden, als seien es Hostien, und wenn sie den Laden wieder verlassen, heißen sie gemeinhin Apple-Jünger, weil sie den Geist des Meisters empfangen haben.

Dieser Meister heißt bekanntlich Steve Jobs, und der Kult und die Verehrung, die ihn umgeben, sind der beste Beweis dafür, dass wir noch nicht in postheroischen Zeiten angekommen sind, auch wenn Kulturkritiker es uns immer wieder erzählen. Als Jobs vor vier Jahren starb, ging im Zuge der weltweiten Anteilnahme ein Video um die Welt, in dem ein etwa 12-jähriger Junge, überwältigt von seiner eigenen Trauer, liturgisch streng aufzählt, was Jobs uns allen geschenkt habe: den iMac, den iPod, das iPhone und das iPad. Im Grunde, so beendet der Junge seine Ansprache: alles.

Das wäre ziemlich viel. Steve Jobs ist spätestens nach seinem Tod zur schillerndsten mythischen Gestalt vielleicht nicht unserer Zeit, so doch zumindest der US-amerikanischen Gegenwart aufgestiegen, und für diese ist im Kino und im Fernsehen seit einigen Jahren der Drehbuchautor Aaron Sorkin zuständig, der nun, gemeinsam mit dem britischen Regisseur Danny Boyle, einen Film über Steve Jobs gedreht hat.

Es ist nicht der erste. Vor zwei Jahren erst lief der Spielfilm Jobs, dessen einzig bemerkenswerte Erkenntnis gewesen war, dass Ashton Kutcher dem Apple-Chef sehr ähnlich sieht. Michael Fassbender, der nun Jobs spielt, tut es nicht. Aber allein schon seinetwegen ist der Film sehenswert. Der Regisseur Boyle sagte vorab, der Film solle den Klang von Jobs' Geist hörbar machen. Von Steve Jobs vermeintlichen Widersprüchen kann ohnehin nur noch derjenige schockiert sein, der glaubt, dass wer Gutes erfindet, auch zwangsläufig ein durchweg guter Mensch sein muss.

Aus drei Teilen haben Sorkin und Boyle ihren Film zusammengesetzt, drei Kammerspiele, die der Film erzählerisch kaum miteinander verbindet, lose Enden einer in sich verknäulten Biografie. In jedem folgt man Jobs backstage in die Minuten vor einer seiner berühmten Produktpräsentationen: die des Macintosh 1984, die des ersten Computers seiner Firma NeXT 1988, und die des iMac, nachdem Jobs 1998 zu Apple zurückgekehrt war. Allein das ist ein exzellenter erzählerischer Einfall, nicht die Schöpfung zu zeigen und auch nicht ihre Übergabe an die Welt, sondern nur die lampenfiebrigen Augenblicke dazwischen. In diesem Dazwischen entsteht erst die Charakterstudie oder, besser, Charakterverdichtung dessen, was Sorkin aus Walter Issacsons Jobs-Biografie extrahiert hat, auf die der Film sich stützt.

Sorkin nimmt sich dabei gewisse Freiheiten. Die braucht er, weil Sorkin ein begnadeter Dialogschreiber ist, und da würde eine orthodoxe Geschichtstreue bloß stören. Das meiste, was in den Hochgeschwindigkeitsdialogen gesprochen wird, ist erfunden. Es wird viel geredet, viel gestanden, viel gerufen, viel gelaufen und wieder gestanden, zwischendurch wäscht sich Steve Jobs seine astralen Füße in einer Kloschüssel.

Dieser statischen Konzentration auf die Dialoge setzt Boyle eine geradezu hyperaktive Kameraführung entgegen, die selten verweilen will, sich selten so fokussiert wie Sorkins dialogischer Maximalismus. Und aus dem Kontrast gewinnt der Film seine ästhetische Spannung, wobei die Dialoge die Hauptlast tragen. Aus ihnen entsteht das ganze Mosaik einer Person: in den Wortgefechten, die Jobs mit seiner, von Kate Winslet hinreißend gespielten, Assistentin Joanna Hoffman austrägt, deren dezente Aufsässigkeit bis an die Grenze dessen geht, was Jobs ertragen kann; in den Szenen mit dem ehemaligen Apple-CEO John Sculley (Jeff Daniels), der einst Pepsi leitete, der in Sorkins und Boyles Interpretation einerseits als größter Gegenspieler dasteht, andererseits als gütiger Ersatzvater des bekanntermaßen als Adoptivkind aufgewachsenen Jobs (wobei dieses biografische Detail von Sorkin vor allem in der psychologischen Deutung leicht überstrapaziert wird). In all diesen Konfrontationen leuchten Jobs Ausbrüche von Hybris, seine Anflüge von Wahnsinn und Manie, Arroganz  und Einsamkeit. Fassbenders Augen lodern in solchen Momenten voller Obsession und entrückter Begeisterung, dann plötzlich starren sie in die Welt wie ein iPhone ohne Strom, kalt, glatt und tot.

Aus solchen Szenen setzt sich das vielgestaltige Bild des Kontrollfreaks zusammen, der die Technik einerseits demokratisieren will und sie zugleich totalitaristisch denkt. Das Bild des empfindsamen Getriebenen, der die fehlerhafte Menschheit durch Maschinen erlösen will und möchte, dass die Menschen ihn dafür lieben. Und das Bild des achtlosen Vaters, der seine Tochter Lisa jahrelang als solche nicht anerkennt. Sollte Jobs nicht vorher schon eine Kunstfigur gewesen sein, eine spekulative Fantasie, in der sich Hypermoderne und romantischer Geniekult gleichermaßen spiegeln, so haben Sorkin und Boyle diese Vorstellung mit allen Widersprüchen filmisch verewigt. All das, ohne sich letzthin für eine Deutung zu entscheiden. Ihn weder mit triumphierender Geste als selbstverliebten Tyrannen zu entlarven, noch in die sakrale Andacht all jener einzustimmen, die ihn als "iGod" heiliggesprochen haben. Den Widerspruch lassen sie stehen. "Musiker spielen Instrumente. Ich spiele das Orchester", sagt Jobs zu seinem Weggefährten Steve Wozniak. Der antwortet nach kurzer Pause bloß: "Das klingt gut, aber es bedeutet nicht viel." Nach diesem Film weiß man: Vermutlich ist beides ist wahr.