Ist der Lack schon wieder ab? War es das schon mit dem Goldenen Zeitalter der Serien? Die zweite Staffel von True Detective war peinlich, die hoffnungslos verfranste Geschichte von Game of Thrones ertragen nur noch beinharte Fans, House of Cards hat den Drive der ersten Staffel lange verloren. Sopranos, The Wire, Mad Men, Breaking Bad – Titel wie diese klingen mittlerweile schon nach guter alter Zeit.

Dabei wollten die neuen Serien doch mehr sein als Fernsehen. Sie wollten das Medium mit dem epischen Atem sein, das große Gesellschaftspanorama, die Welterklärmaschine. Das Kino hatten sie auf ihrem Weg in die Hochkultur scheinbar leicht überrannt. Die Epiker des 19. Jahrhunderts, Tolstoi, Balzac, das war die Messlatte. Und jetzt?

Es ist wohl einfach so: Das Phänomen der Serie wird gerade auf ihr Normalmaß zurechtgestutzt. Serien sind nicht besser als das Kino und auch nicht der neue Roman. Das Kino hat nicht abgewirtschaftet, der Roman lebt – und das serielle filmische Erzählen konnte sich seit Beginn der nuller Jahre zu einer ernsthaften Größe entwickeln. Es ist jetzt auf Augenhöhe mit den anderen Erzählgattungen.

Hochgelobte Serie

Serien sind dann am besten, wenn sie eine abgeschlossene Geschichte erzählen. Eben tatsächlich wie ein Roman. Dann haben sie die Möglichkeit, ein epischer Wurf aus einem Guss zu werden. Wie The Wire oder True Detective, erste Staffel. Oft genug bestimmt ja nicht der Showrunner, über wie viele Staffeln er seine Geschichte erzählen will, sondern die Quote. Wird die Serie immer weiter verlängert, besteht das viel zitierte horizontale Erzählen stellenweise nurmehr aus einem ermüdenden Hin und Her, zum Beispiel in der dritten Staffel von Orange Is The New Black: Piper und Alex sind ein Paar. Doch nicht. Doch. Doch wieder nicht. Beim Fußball würde der Schiedsrichter wegen Zeitschindens abpfeifen.

Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, noch einmal auf eine Mini-Serie zu blicken, die zu den am höchsten gelobten der jüngeren TV-Geschichte gehört, und die in Deutschland jetzt wieder von Sky angeboten wird. Olive Kitteridge zeigt, dass die große Zeit der Serie natürlich keineswegs vorbei ist.

Bei dem Vierteiler handelt es sich um eine klassische Literaturverfilmung, Vorlage ist der gleichnamige, mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Roman von Elizabeth Strout. Den Machern gelingt es, alles zu einem kompakten Meisterwerk zusammenzuschnüren: das epische Erzählen des Romans; das Dramatische der TV-Serie; das Visuelle des Kinos.

Erzählerische Konzentration

Aus einem impressionistisch hingetupften, luftig erzählten Roman wird in der Serie ein starkes, konzentriertes Drama. Das ist interessant, denn der Roman hätte durchaus genug Stoff für eine reguläre Staffellänge von 13 Episoden geboten. Aus genau so vielen Kapiteln besteht das Buch und jedes einzelne steht wie eine Kurzgeschichte für sich. In einigen ist Olive Kitteridge die Hauptfigur, in anderen taucht sie nur am Rande auf. Aber Drehbuchautorin Jane Anderson geht einen anderen Weg: Sie streicht Episoden und Figurenpersonal radikal zusammen, spinnt andere Erzählfäden auf eigene Faust fort. Und sie schiebt eine Figur ganz eindeutig in den Mittelpunkt: die von Frances McDormand mit furchterregender Ehrlichkeit gespielte Olive Kitteridge.

Diese erzählerische Konzentration hat zur Folge, dass die Motive und Themen, die sich im Roman vielschichtig und mehrdeutig verstreut finden, in der Serie wuchtig und dramatisch wirken. Es geht um das Leben in einer Ehe, die trotz aller Dramen Jahrzehnte überdauert. Um Altern und Vergehen, um Depressionen, Selbstmordgedanken und das Sterben.

Das klingt finsterer, als es ist. Die Geschichte aus einer Kleinstadt in Maine, die sich um eine oft rücksichtslos unfreundliche Mathematiklehrerin und ihren sanften Ehemann Henry (Richard Jenkins) dreht, findet bei aller existenziellen Schwere doch immer wieder zu einem grimmigen Humor. Der New Yorker verglich den Roman mit einem Song von Neil Young und die Serie mit seinem gelungenen Cover.

Konsequente filmische Sprache

Regisseurin Lisa Cholodenko, die zuvor für die große Leinwand melancholische Gegenwartskomödien wie Laurel Canyon und The Kids Are All Right drehte, gibt dieser Alltagsgeschichte eine visuelle Tiefe, die sie kaum mehr von Kinoproduktionen unterscheidet. Wirkliches visuelles Erzählen ist oft noch immer ein Manko von TV-Serien. Nicht so hier. Das zeigt sich vordergründig in sparsam eingesetzten Computereffekten, etwa wenn sich Olive Kitteridge in einer Szene in einen Elefanten verwandelt – eine direkte Übernahme aus dem Roman.

Überhaupt aber lässt Cholodenko die Bilder erzählen, allein schon, weil lange Unterhaltungen nicht die Sache von Olive Kitteridge sind. Die Serie kommt so vom anderenorts oft endlosen Dialogisieren zum direkten Zeigen und übersetzt den Roman damit konsequent in eine filmische Sprache. Olive Kitteridge ist ein eigenständiges Kunstwerk, dass sich mit anderen Erzählgattungen nicht vergleichen lassen muss. Es ist nicht Roman, nicht Kino. Sondern ein ganz starkes Stück Fernsehen.

"Olive Kitteridge" ist auf Sky Go abrufbar.