Hakenkreuz über Boston – Seite 1

Es ist 1962. Der Osten der USA ist von New York bis Texas von Nazis besetzt. Die Verwaltung des Gebiets obliegt amerikanischen Nazis, ihr Greater Nazi Reich ist eine transatlantische Adaption des Dritten Reichs. Folter, Führerplakate, Hakenkreuz-and-Stripes-Flagge. "Jeder hat einen Job, jeder kennt seine Rolle", tönen die Propagandafilme im Kino. Mittendrin der junge Joe, der sich dem Widerstand anschließt, aber ein doppeltes Spiel spielt.

Auf der anderen Seite des Landes prangt die japanische Besatzerflagge an der Golden Gate Bridge. Die Westküste der USA, die Japanese Pacific States, das sind Aikidō-Kurse und fernöstliche Schriftzeichen auf Leuchtreklamen. Hier herrscht ein brutaler Geheimdienst, der eine junge Widerstandskämpferin vor den Augen ihrer Halbschwester Juliana umbringt. Wie Joe im Osten schließt auch sie sich daraufhin dem Untergrund an.

Der Frieden zwischen den beiden Großmächten ist brüchig. Hitler wird bald sterben, dann könnte die Situation eskalieren. Zwischen dem deutsch beeinflussten Osten und dem japanischen Westen dienen die Rocky Mountain Lands als Pufferzone. Genau dorthin reist Juliana im Auftrag des Widerstands zu einem geheimen Treffen mit Joe.

Mysteriöse Filmrolle

Das ist die Geschichte, die Amazons größter Serienerfolg werden soll. Die Vorlage stammt aus den 1960ern: Philip K. Dicks Alternativweltgeschichte The Man in the High Castle (Das Orakel vom Berge). Das Buch geht der Frage nach: Wie sähe die Welt aus, wenn Hitler den Krieg nicht verloren hätte? Wie würden sich Amerikaner in einem besetzten Land verhalten? Ein komplexes Gedankenspiel, schließlich müssen die Wege von Politik, Technik, Kultur, Gesellschaft sämtlich vom Ausgangspunkt im Zweiten Weltkrieg aus neu beschritten werden. Wie sieht die Weltkarte aus? Was für Autos fährt man? Gibt es Elvis Presley?

Innerhalb dieser Alternativgeschichte taucht plötzlich eine mysteriöse Filmrolle auf. Die Aufnahmen zeigen einen ganz anderen Lauf der Geschichte: den, den wir kennen. Eine Fälschung? Oder Wirklichkeit? Die Mächtigen sind jedenfalls alarmiert. Als Urheber des Films gilt ein abgeschieden lebender Mann in einem hohen Schloss. Welche Version der Geschichte die gültige ist, bleibt zunächst offen. Auf einmal ist man bei Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung, Galouyes Simulacron-3, Stanisław Lem.

Mutig ist es auf jeden Fall, so eine Geschichte für den weltweiten Massenmarkt zu produzieren. Weder eine veränderte Weiche in der Weltgeschichte noch die philosophische Frage nach der Realität sind klassische Mainstream-Themen. Außerdem gibt es in der Serie keinen echten Protagonisten, die Geschichte wird aus verschiedenen gleichberechtigten Blickwinkeln erzählt. Der Zuschauer folgt mindestens fünf Charakteren: Juliana im Westen, ihrem jüdischen Freund, Joe im Osten, einem New Yorker Obergruppenführer, einem japanischen Offizier.

Angst vor Eindringlingen

Diese Unübersichtlichkeit erklärt vielleicht die radikalen Vereinfachungen. Die Charaktere wirken archetypisch, ständig sagen sie Sätze wie: "I'm not afraid to die", "I am here because I wanna do the right thing", "I found the reason to everything". Es wirkt, als sollten sie der eigentlichen Hauptdarstellerin nicht die Show stehlen: der Kulisse. In erster Linie geht es dieser Serie um irritierende Bilder.

Die Uniformen sehen der besseren Wiedererkennbarkeit wegen auch in den USA der 1960er aus wie im Zweiten Weltkrieg. Man kann sich schon vorstellen, wie der bibbernde US-Patriot seine Schusswaffe auf den Bildschirm richtet, wenn im Vorspann die Landkarte des geteilten Amerika erscheint. Wenn Schatten von Kampfflugzeugen das Gesicht George Washingtons am Mount Rushmore verdunkeln.

Viele Serien richten sich an die amerikanische Urangst vor Eindringlingen. Schleichen sich bei Homeland noch vereinzelt Terroristen ins Land, bevölkern bei The Man in the High Castle gleich Millionen folternde Nazis unbehelligt das Land der Freien. Und Amerika schaut hilflos zu. An einer Stelle wundert sich Joe über Asche in der Luft. "Dienstags verbrennen sie Krüppel im Krankenhaus", antwortet ein Ortskundiger beiläufig.

Vorabfeedback aus der ganzen Welt

Ridley Scott, der mit Blade Runner bereits eine Dick-Vorlage verfilmt hat, kaufte vor längerer Zeit die Rechte am Buch. Als Showrunner verpflichtete er Frank Spotnitz, einen Amerikaner, der in Paris lebt, London arbeitet und als Autor von Akte X von sich reden machte. Lange fanden Scott und Spotnitz keinen Abnehmer für ihre Geschichte, standen kurz davor, die Rechte zu verlieren. Bis Spotnitz den Anruf eines alten Bekannten erhielt, eines ehemaligen ABC-Managers, der zu Amazon gewechselt war. "Hast Du irgendeinen Stoff, den du liebst und der noch erhältlich ist?" Wenig später entschied Amazon, einen Piloten der Serie für seine digitale Streamingplattform zu produzieren.

Um zu verstehen, warum die Serie aussieht, wie sie aussieht, muss man sich die Herstellungsbedingungen bewusst machen: Amazon ist ein digitales Unternehmen, das nicht mehr ein fertiges Produkt anbietet, sondern den Prototyp auf den Markt wirft, sobald er halbwegs bedienbar ist. Dann lässt es seine Kunden mit dem neuen Tool umgehen, sammelt Feedback, stampft das Projekt im Zweifel ein und widmet sich anderen Ideen. Die Kunden helfen gewissermaßen bei der Produktentwicklung.

Messbares Vorabfeedback

Netflix und Amazon übertrugen die Fail-often-and-early-Kultur auf die Serienproduktion, was die erste Folge von The Man in the High Castle zu einem prototypischen Kunstwerk im Zeitalter des globalen Vorabfeedbacks macht. Seit 2013 produziert Amazon serienmäßig Pilotfolgen, zeigt sie während der pilot season der ganzen Welt, wertet die Rückmeldungen aus und gibt nur den Erfolg versprechenden grünes Licht. Der Autor wiederum befindet sich in der neuen Situation, vor der Kreation der eigentlichen Serie messbares Feedback auf den Prototypen, die Pilotfolge, zu haben. Nicht von einem engen Expertenkreis, sondern aus der ganzen Welt, alle auf einmal.

Auch Frank Spotnitz musste mit seiner ersten Folge von The Man in the High Castle nicht ein paar Redakteure überzeugen, sondern jenes Publikum, das von den Produzenten oft für dümmer gehalten wird, als es ist. Dass die Verhandlung der Realität als bloße Option in Actionfilmen massentauglich sein kann, haben zum Beispiel Fight Club und Matrix gezeigt.

Hype um Pilotfolge

Was aber passiert, wenn eines Tages aus der Weisheit der vielen das Diktat der Masse wird? Wenn es heißt: 23 Prozent der weiblichen Zuschauer beenden den Stream bei Szenen mit Charakter X, bitte streichen Sie ihn heraus. Spotnitz ist unbesorgt: "Ich halte Storytelling für Kommunikation mit dem Publikum. Und wenn ich dich nicht erreiche, will ich wissen: warum? Und was ich tun muss, um dich zu erreichen. Ich bin daher bisher nicht besorgt, vielleicht sollte ich es sein."

Bisher profitiert er von dem System. Den Machern verhalf das weltweite Onlinescreening zu unerwartetem Rückenwind. Nach dem Hype um die Pilotfolge von The Man in the High Castle bekam Spotnitz "das größte Budget, mit dem ich je gearbeitet habe". Die beste Crew, die besten Schauspieler. "Wenn so viele Leute deinen Piloten feiern, dann hast du es viel leichter." Was er daraus gemacht hat, zeigt jetzt Amazon. Man hätte subtiler erzählen können, weniger bildgewaltig. Hätte den Figuren eine Kulisse schaffen können statt der Kulisse Figuren. Doch man kann sich sicher sein, dass die Serie auf weltweiten Erfolg optimiert ist.

"The Man in the High Castle" ist ab dem 20. November auf Amazon Instant Video abrufbar (zunächst auf Englisch).