Mit Mockingjay Teil 2 erreicht die Hunger-Games-Reihe ihr Finale, aber was als unterhaltsame Teenager-Dystopie und Mediensatire mit Gladiatorenabenteuer in einer Art fatalem Dschungelcamp begann, ist zu einer stockfinsteren, todernsten Geschichte von Revolution und Gegenrevolution avanciert. Zu einer Geschichte über Jugendliche mit einer üppigen posttraumatischen Belastungsstörung. Bereits in Teil 1 wurden bonbonfarbene Kostüme durch graue KFZ-Overalls ersetzt und ein Ort, der einst wie die Smaragdstadt aus Der Zauberer von Oz anmutete, in Schutt und Asche gelegt. Mockingjay Teil 2 ist nun ein Kriegsfilm und Katniss Everdeen eine der radikalsten Heldinnen im amerikanischen Kino.

Das Mädchen aus armen Verhältnissen, das sich vor 13 Jahren für ihre kleine Schwester aufopferte, wurde zwei Mal in eine Natur-Arena geschickt, in der sich vierundzwanzig versklavte Teenager gegenseitig vor laufender Kamera niedermetzelten. Sie musste mit ansehen, wie ihre Liebsten gepeitscht, gefoltert und ermordet wurden und kam mit einem Trauma davon, um dann zu einem Propagandainstrument der Rebellion gemacht zu werden und Anti-Depressiva zu schieben. Es ist ein weit ernsteres Franchise als es uns die Marketing-und Mainstream-Manie, die auf junge Mädchen abzielte, zunächst hat glauben lassen.

"Wie der kleine Frodo Beutlin, zermalmt und durch seine schwere Last beschädigt, ist sie nicht die gleiche Person, die sie war als ihr Abenteuer begann", schreibt das US-Branchenblatt Variety. "Ich kann mich nicht daran erinnern, etwas so Intensives in einem Horrorfilm in letzter Zeit gesehen zu haben", der Guardian. Wer die Romane von Suzanne Collins gelesen hat, der weiß, dass Die Tribute von Panem noch nie eine Kinderkram-Fantasie waren, sondern eine pessimistisch-kritische (aber nie mutlose) Gesellschaftsfiktion mit "mädchenfreundlichen" Anleihen. Collins beschwört darin eine dystopische Vision des gegenwärtigen Amerikas, das seine Bürger mit Fast Food vollstopft und mit Kardashians berauscht, während es seine Töchter und Söhne in den Irak schickt.

Ein für alle Mal hat dieses Franchise bewiesen, dass eine starke Heldin einen Blockbuster mindestens so gut tragen kann wie ihre männlichen Kollegen. Die junge Frau sprengte mit bislang mehr als 2,3 Milliarden Dollar das Box-Office.

Katniss, die Kriegerprinzessin

Was Katniss zu einer solch revolutionären Identifikationsfigur vieler junger Frauen macht, ist, dass sie weder untätig oder schwach, noch übersexualisiert oder gefühllos ist. Im Gegensatz zu Hermine Granger in Harry Potter ist sie aber auch mehr als nur der smarte, jungfräuliche Sidekick und im Unterschied zu Bella Swan in Twilight wird Katniss nicht von ihrem schwärmerischen Verlangen konsumiert.

Katniss ist ein Gegenentwurf zu all jenen Disneyprinzessinnen der alten Schule, die wie Schneewittchen "eines Tages kommt mein Prinz" trällern. In der westlichen Kulturproduktion ist Heldentum, abgesehen von wenigen Ausnahmen, immer noch Männersache. "Die Frau ist Leben, der Held sein Kenner und Meister", schrieb der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell. Die klassische Heldenreise war bisher so stark von Männern dominiert, dass ein US-Geschichtsprofessor es die "Spermienreise" nannte.

Gleichzeitig ist Katniss aber auch eine Antithese zu Lara Croft in Tomb Raider, die als eine Art vollbusiger, weiblicher Indiana Jones entwickelt worden war, um einem männlichen Computerspiel-Publikum zu gefallen – ähnlich wie die patriotische Amazonenprinzessin Wonder Woman mit knappen Höschen, heißen Kurven und erotischen Requisiten (das goldene Lasso!). Katniss ist nicht das Geschöpf einer männlichen Fantasie.

Zwar ist Katnis wie andere Kriegerinnen – Sigourney Weavers Ellen Ripley in Alien und Linda Hamiltons Sarah Connor in Terminator so wie später Beatrix Kiddo in Kill Bill oder, sagen wir, Daenerys Targaryen in Game of Thrones – eine Frau mit ausgeprägtem Beschützerinstinkt (Ersatzmutter für ihre Schwester Prim). Und Jennifer Lawrence ist eine attraktive Schauspielerin, wenn sie nicht gerade bildschöne Kleider trägt, dann läuft sie in einem engen Sportkostüm herum, aber sie ist immer Apparat einer politischen Agenda und dient nie dem Selbstzweck.