Zwei Dinge sind dieser Tage in Deutschland allgegenwärtig: Die vorweihnachtliche Hektik und Star Wars. Und da beides zusammenfällt, entsteht eine Stimmung, die man als festlichen Krieg bezeichnen könnte. Oder als kriegerisches Fest. Wie auch immer: Es ist eine Katastrophe, aber mit ganz viel Gefühl.

Das Land ist so flächendeckend mit Star-Wars-Plakaten dekoriert, dass dagegen sogar die notorischen Glühweintankstellen, die jede noch so kleine Verkehrsinsel okkupieren, beinah unsichtbar werden. Man sieht Harrison Ford etwa doppelt so oft wie Helene Fischer, die für ihre neue Christmas-CD wirbt. Was einer Zahl entspricht, die kein Mensch je erfassen könnte. Sein weltberühmtes Han-Solo-Gesicht, das so milde und streng zugleich dreinschauen kann, mahnt die Konsumenten: "Habt ihr den Film schon gesehen?" Und es beschleicht einen sofort dasselbe schlechte Gewissen, als hätte man seine Zähne nicht geputzt.

Man kann sich dem schlichtweg nicht entziehen. Die Ansagerin im Frühstücksradio verschiebt bereits vor Tag und Tau das Prädikat wie Meister Yoda, indem sie sagt: "Die Wettervorhersage du hören musst." Heranwachsende laufen bewaffnet durch die Straßen, und das nicht nur in den Problembezirken der Großstädte. "Stormtrooper besuchen Kinder in einem Krankenhaus in Manila", berichtete Spiegel Online unlängst, die Bilder dazu zeigen weiß gepanzerte Aliens, die einem eingegipsten Mädchen die Wange streicheln. Und während der Esoterikbarde Xavier Naidoo in seinem neuesten Protestliedchen noch Nie mehr Krieg fordert, titelt der Boulevard schon Endlich Star Wars!. Es scheint eine große Sehnsucht nach einem Krieg zu geben, der nicht so asymmetrisch ist wie der gegen den Terror, sondern so übersichtlich ist wie der Kalte einst war: Gut gegen Böse. Hell gegen Dunkel. Die Jedis gegen die Sith. Auch hier wird geschossen und gestorben, aber nicht so explizit wie in den Tagesthemen. Fällt ein Sternenkrieger in der Schlacht ums Universum, kann man den lieben Kleinen immer noch weismachen: Der schläft nur. Star Wars – ein Krieg für die ganze Familie.

Da möchten viele Menschen offenbar dabei sein, nicht nur als Kinobesucher, sondern auch als Reservisten, für den Fall, dass morgen der Todesstern am Dezemberhimmel über Deutschland prangt. Die Promotion des Films hat sich längst verselbständigt und in den Wochen vor dem Kinostart zu einer Heilserwartung gesteigert. Thomas Mann sprach bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 vom "Ausstieg aus einer satten Friedenswelt". Davon kann jetzt gerade nicht die Rede sein, vielmehr handelt es sich wohl um einen Ausstieg aus einer allzu komplizierten Konfliktwelt – hinein in einen Popcornkrieg. Das Augusterlebnis im Winter 2015. Schon sieht man die Menschen in den Schlangen vor den Kinos so fröhlich winken wie einst beim Auszug der Soldaten aus den Garnisonsstädten.

Mitunter wünscht man sich, die PR-Maschinerie liefe auch so reibungslos und hochtourig, wenn es um existenzielle Belange ginge, etwa um Bildung, Integration oder Hungerhilfe. Aber eigentlich müsste gar nicht so aufwendig für den Film geworben werden, denn Star Wars ist ja längst fester Bestandteil der Nachrichtenlage, der Tischgespräche, Träume und Wunschzettel einer Vielzahl von Menschen. Sie reden gern und viel über diesen wohligsten aller Kriege, der jetzt endlich ausbrechen wird, und sie rüsten auf. So kommt es, dass klafterweise mit Sternenkriegsspielzeug beladene Omas einander durch die Einkaufszentren des Landes rempeln, um als Erste den lieben Enkeln das Lichtschwert, den Kampfhelm und den Millenium Falcon aus Lego unter den Tannenbaum zu legen.

George Lucas – Nostradamus des Weihnachtskonsums

Fünf Milliarden US-Dollar wird das Merchandisinggeschäft einer Schätzung von Bloomsbury Business zufolge den Lizenzinhabern einbringen. Dass George Lucas, der Erfinder der Star-Wars-Reihe, bei den Verhandlungen mit 20th Century Fox im Jahre 1974 zugunsten der Vermarktungsrechte auf ein Gutteil seines Honorars als Regisseur verzichtete, lässt ihn im Nachhinein nicht nur als einen ziemlich weitsichtigen Geschäftsfuchs erscheinen, sondern auch als einen Nostradamus des sich zusehends pervertierenden Weihnachtskonsums.

Sogar im Verbrauchermarkt Ullrich am Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin, einem vergessen wirkenden Discounter unter den Gleisarkaden, gibt es eine Müslischüssel mit Meister-Yoda-Motiv, einen Adventskalender ohnehin, und man guckt lieber noch mal kurz nach, ob man nicht aus Versehen Prinzessin Leia verspeist, bevor man in seine Schrippe beißt, mit der man sich für die kommenden 180 Minuten stärken möchte: Die offizielle Preview des siebten Teils von Star Wars mit dem Titel Das Erwachen der Macht, zu der etwa 400 Journalisten geladen sind.