Was Euch die Alten Unglaubliches erzählen – Seite 1

Es war nicht alles schlecht, versichern sich die Frau und der Mann gegenseitig. Nein, manches war auch ziemlich gut, beschwören sie einander vorm nächsten Hauptquartier der Rebellen in einer Galaxis weit, weit entfernt: Da stehen sie sich also gegenüber, Leia Organa, einst Prinzessin, nun Generälin, und Han Solo, der vor Ewigkeiten schon vom Schmuggler gleich zum General befördert wurde – und mehr haben sie sich und den Zuschauern gar nicht zu sagen. Sie haben es eilig, denn es geht wieder in die immer nur vorläufig letzte Schlacht: Die dunkle Seite der Macht erhebt sich erneut gegen die helle und wieso und warum und was in der Zwischenzeit so passiert ist, das muss alles nicht erklärt werden. Der Krieg der Sterne war schon immer selbsterklärend, eine filmische Tautologie. Er darf nicht enden, weil er nicht enden darf: uns, den Kinozuschauern, zuliebe.

32 Jahre nach der Rückkehr der Jedi-Ritter ist das Aufeinandertreffen von Carrie Fisher und Harrison Ford in Star Wars: Das Erwachen der Macht ein schöner, melancholischer Moment. Allzu feierlich soll es aber nicht werden offenbar. Also machte Han, der nun wirklich alte Schlawiner, schnell einen Witz, als er Leia ein paar Filmminuten zuvor zum ersten Mal wiedersah: Hey, neue Frisur … Die Anspielung versteht jeder, der sich an den Spott über Leias hairstyle von anno dunnemals erinnert, die Frisur war oft mit Esswaren verglichen worden, Zuckerschnecken, Frikadellen und so. Und schon ist man angekommen in der Zitathölle Star Wars, der dieser neue, nunmehr siebte Film der Reihe einfach nicht entkommen kann. Darüber scheinen sich seine Macher – zuvorderst der Regisseur und Co-Autor des Drehbuchs J. J. Abrams – derart bewusst gewesen zu sein, dass sie es auch gar nicht erst versucht haben.

Episode VII, Das Erwachen der Macht, ist die größtmögliche Nummer Sicher eines Hollywoodblockbusters: die werkgetreue Fortschreibung eines in sich völlig geschlossenen Narrativs und filmischen Universums, letztlich eine Variation des womöglich viel zu Bekannten, nun verschoben in die nächste, eine neue Generation von Figuren, die Rey, Finn, Poe, Kylo heißen.

Es müsste der erfolgreichste Film der Kinogeschichte werden

Das Besondere ist hier: Das ist erst mal eine gute Nachricht. Zumindest für die Fans, von denen es so viele gibt, dass schon vor dem Kinostart am Donnerstag klar ist, dass das hier der erfolgreichste Film der Geschichte werden könnte, eigentlich müsste. Noch hält Avatar mit 2,7 Milliarden Dollar Umsatz den Rekord an den Kinokassen weltweit, für Das Erwachen der Macht (The Force Awakens) gehen die Prognosen vorab von mindestens 2,4 Milliarden Dollar aus. Ein Flop ist beim zeitgenössischen Blockbuster betriebswirtschaftlich fast unmöglich, weil der Ereignischarakter einen unwiderstehlichen Sog entwickelt: Wie, du hast den neuen Star Wars noch nicht gesehen?

J. J. Abrams hat als Disneys Mann fürs Große die Oberaufsicht über die neue, dritte Trilogie der Reihe und damit die Nachfolge von deren Erfinder George Lucas angetreten. Er nimmt mit dem ersten Film das Erbe geradezu demütig an, er stellt sich voll und ganz in den Dienst der Fankultur: Das Erwachen der Macht ist exakt so, wie man es sich vorher hat vorstellen können anhand der Trailer und der Andeutungen der Beteiligten; ja, sogar die populärsten Netzverschwörungstheorien zum weiteren Verlauf der Geschichte stellen sich nun als mehr oder minder zutreffend heraus – ob und welche Figur wann wie auftaucht im Film, ob und wer wessen Nachkomme ist in diesem Märchen von einer Familiengeschichte, ob und wer von wem auf welche Weise, ach ja, ach nein, nichts verraten … Der Spoileralarm war selten lauter und selten überflüssiger als bei diesem Film.

Dass es trotzdem ein Vergnügen ist, der Abarbeitung einer total voraussehbaren Dramaturgie beizuwohnen, liegt vor allem an der Filmästhetik, derer Abrams sich bedient. Er hat als augenscheinlichste Schwäche der noch von Lucas betreuten Prequel-Trilogie, deren Teile zwischen 1999 und 2005 erschienen, die geringe visuelle Halbwertszeit der damaligen digitalen Tricktechnik erkannt. Den Klonarmeen sah man damals an, dass die CGI-Effekte noch nicht ausgereift waren und die Filme bald schon unangenehm alt und überkommen wirken würden, gut nur als Belegexemplare eines technischen Übergangsprozesses. Abrams hat es da mit dem heutigen Stand von 3D und digitaler Filmtechnologie eh leichter, hat aber dazu noch viele Sequenzen an Originalschauplätzen gedreht, in Island und Irland, er hat seine Schauspieler echt in der Wüste von Abu Dhabi schwitzen lassen, nicht bloß im Studio vorm green screen wie zuletzt Lucas. Das Erwachen der Macht sieht bis auf den total aus der Form geratenen neuen Superbösewicht Snoke so gut aus, so sehr nach einem Update des ursprünglichen Originals, dass er kommenden Oberflächenmoden höchstwahrscheinlich trotzen wird.

Weder Utopie noch Dystopie

Außerdem kann Abrams auf das längst ikonische Design der Raumschiffe der ersten Trilogie zurückgreifen, was Lucas bei der zweiten noch nicht konnte, weil die ja in der erzählten Zeit von Star Wars vorher spielte und es entsprechend noch keine X-Wing und TIE Fighters geben durfte. Nun schlittert der gute alte Millennium Falcon über Eisplaneten und jagt durch Wüstenlandschaften, das wärmt die Seele aller heutigen Retrofuturisten. Das Erwachen der Macht ist insofern zeitgemäß, als dass sich der Film, als Science Fiction betrachtet, kein Bild der Zukunft zutraut. Er ist weder Utopie noch Dystopie, er ist einfach da.

Zugleich zeigt sich in den sinnesüberwältigenden Szenen des Allschlachtengetöses und vielleicht noch mehr in solchen, in denen einzelne Figuren in gigantische Landschaften und Räume gestellt werden, dass Abrams zügelloser als alle Star-Wars-Regisseure zuvor monumental filmen kann und will: Das Universum dehnt sich in Das Erwachen der Macht im Maßstab noch einmal aus, der Mensch wirkt im Vergleich dazu noch kleiner als je zuvor in den Filmen dieser Reihe. Das lässt die Heldentaten der Figuren jedoch umso unplausibler erscheinen. Warum sollen die Taten einzelner Menschen noch zählen, wenn die Star-Wars-Filme doch schon immer ungeheure, einander ständig überbietende Materialschlachten waren und im neuesten die Planeten gar gleich reihenweise explodieren?

George Lucas ließ wohl auch deshalb gebetsmühlenartig in den ersten drei Filmen die Macht der "Macht" beschwören, die die Weltläufe im Krieg der Sterne letztlich steuern soll. J. J. Abrams hingegen glaubt, sich das sparen zu können, er verlässt sich darauf, dass alle Zuschauer die Sache mit der Macht in Erinnerung haben. Das etwas bemüht Sakrale der frühen Filme wird bei ihm zum Gerücht, zur mündlichen Überlieferung im Sagenstatus. Und wenn Han Solo dann den neuen, jungen Protagonisten Finn und Rey bestätigt, all die Geschichten seien wahr, ist das eigentlich eher ein selbstreferenzieller Kommentar von der Leinwand herunter, der sich an neue, junge Zuschauer richtet: Was die Alten euch Unglaubliches erzählt haben über Star Wars, das stimmt wirklich.

Gut und Böse werden nicht mehr begründet

Abrams ist sich des selbsterklärenden Moments der Reihe in Folge sieben so sicher, dass er seinen neuen Figuren je kaum zwei Dialogsätze oder auch nur ein Bild gönnt, um ihre Motivation zu begründen. Sie nehmen ihren Platz in diesem Universum einfach ein. Die genaueren Vorgeschichten der Schrottsammlerin Rey, des desertierten Storm Troopers Finn, des Rebellenpiloten Poe Dameron und des sich als Darth-Vader-Nachfolger kleidenden Kylo Ren werden in den kommenden beiden Filmen der Trilogie erzählt – oder auch nicht. Gut und Böse werden bei Star Wars einfach markiert, sie brauchen keine große psychologische Begründung.

Letztlich ist das alles ja nur die gigantisch überdimensionierte Aufstellung einer dysfunktionalen Familie und im Zentrum stehen traditionell Vater-Sohn-Konflikte, die mit dem problematischen genetischen Erbe der Macht belastet sind. Töchter gab's immer eher nebenbei, Mütter glänzten meist gleich ganz mit Abwesenheit. Dass die junge Frau Rey mit ihrer Frage nach der eigenen Herkunft nun in den Mittelpunkt der Erzählung rückt, das konnte man auch schon nach Betrachten der Trailer vorausahnen; warum das so ist, das lässt J. J. Abrams erst einmal offen.

Er deutet im Schlussbild dieses ersten der drei neuen Star-Wars-Filme lediglich an, dass die Zitathaftigkeit sich durch die ganze neue Trilogie ziehen soll: Geschichte wiederholt sich, jedoch nicht als Tragödie oder Farce wie vermeintlich in der echten Welt, sondern als Loop. Eine echte Auflösung ist nicht vorgesehen in Hollywoods Blockbusterlogik, in jeder Fortsetzung ist die nächste Fortsetzung mindestens als Möglichkeit schon wieder angelegt, die serielle Erzählweise führt nirgendwohin und verweist auf nichts als sich selbst: Das Erwachen der Macht endet mit einer Idee, mit der die Zuschauer vor fast vier Jahrzehnten zum ersten Mal bekanntgemacht wurden, a long time ago in a galaxy far, far away. Der Kreis schließt sich wieder, die Rollen werden nur pro forma neu verteilt. Eigentlich ändert sich nichts. Für Star-Wars-Fans gibt es wohl keine schönere Verheißung als diese.