Außerdem kann Abrams auf das längst ikonische Design der Raumschiffe der ersten Trilogie zurückgreifen, was Lucas bei der zweiten noch nicht konnte, weil die ja in der erzählten Zeit von Star Wars vorher spielte und es entsprechend noch keine X-Wing und TIE Fighters geben durfte. Nun schlittert der gute alte Millennium Falcon über Eisplaneten und jagt durch Wüstenlandschaften, das wärmt die Seele aller heutigen Retrofuturisten. Das Erwachen der Macht ist insofern zeitgemäß, als dass sich der Film, als Science Fiction betrachtet, kein Bild der Zukunft zutraut. Er ist weder Utopie noch Dystopie, er ist einfach da.

Zugleich zeigt sich in den sinnesüberwältigenden Szenen des Allschlachtengetöses und vielleicht noch mehr in solchen, in denen einzelne Figuren in gigantische Landschaften und Räume gestellt werden, dass Abrams zügelloser als alle Star-Wars-Regisseure zuvor monumental filmen kann und will: Das Universum dehnt sich in Das Erwachen der Macht im Maßstab noch einmal aus, der Mensch wirkt im Vergleich dazu noch kleiner als je zuvor in den Filmen dieser Reihe. Das lässt die Heldentaten der Figuren jedoch umso unplausibler erscheinen. Warum sollen die Taten einzelner Menschen noch zählen, wenn die Star-Wars-Filme doch schon immer ungeheure, einander ständig überbietende Materialschlachten waren und im neuesten die Planeten gar gleich reihenweise explodieren?

George Lucas ließ wohl auch deshalb gebetsmühlenartig in den ersten drei Filmen die Macht der "Macht" beschwören, die die Weltläufe im Krieg der Sterne letztlich steuern soll. J. J. Abrams hingegen glaubt, sich das sparen zu können, er verlässt sich darauf, dass alle Zuschauer die Sache mit der Macht in Erinnerung haben. Das etwas bemüht Sakrale der frühen Filme wird bei ihm zum Gerücht, zur mündlichen Überlieferung im Sagenstatus. Und wenn Han Solo dann den neuen, jungen Protagonisten Finn und Rey bestätigt, all die Geschichten seien wahr, ist das eigentlich eher ein selbstreferenzieller Kommentar von der Leinwand herunter, der sich an neue, junge Zuschauer richtet: Was die Alten euch Unglaubliches erzählt haben über Star Wars, das stimmt wirklich.

Gut und Böse werden nicht mehr begründet

Abrams ist sich des selbsterklärenden Moments der Reihe in Folge sieben so sicher, dass er seinen neuen Figuren je kaum zwei Dialogsätze oder auch nur ein Bild gönnt, um ihre Motivation zu begründen. Sie nehmen ihren Platz in diesem Universum einfach ein. Die genaueren Vorgeschichten der Schrottsammlerin Rey, des desertierten Storm Troopers Finn, des Rebellenpiloten Poe Dameron und des sich als Darth-Vader-Nachfolger kleidenden Kylo Ren werden in den kommenden beiden Filmen der Trilogie erzählt – oder auch nicht. Gut und Böse werden bei Star Wars einfach markiert, sie brauchen keine große psychologische Begründung.

Letztlich ist das alles ja nur die gigantisch überdimensionierte Aufstellung einer dysfunktionalen Familie und im Zentrum stehen traditionell Vater-Sohn-Konflikte, die mit dem problematischen genetischen Erbe der Macht belastet sind. Töchter gab's immer eher nebenbei, Mütter glänzten meist gleich ganz mit Abwesenheit. Dass die junge Frau Rey mit ihrer Frage nach der eigenen Herkunft nun in den Mittelpunkt der Erzählung rückt, das konnte man auch schon nach Betrachten der Trailer vorausahnen; warum das so ist, das lässt J. J. Abrams erst einmal offen.

Er deutet im Schlussbild dieses ersten der drei neuen Star-Wars-Filme lediglich an, dass die Zitathaftigkeit sich durch die ganze neue Trilogie ziehen soll: Geschichte wiederholt sich, jedoch nicht als Tragödie oder Farce wie vermeintlich in der echten Welt, sondern als Loop. Eine echte Auflösung ist nicht vorgesehen in Hollywoods Blockbusterlogik, in jeder Fortsetzung ist die nächste Fortsetzung mindestens als Möglichkeit schon wieder angelegt, die serielle Erzählweise führt nirgendwohin und verweist auf nichts als sich selbst: Das Erwachen der Macht endet mit einer Idee, mit der die Zuschauer vor fast vier Jahrzehnten zum ersten Mal bekanntgemacht wurden, a long time ago in a galaxy far, far away. Der Kreis schließt sich wieder, die Rollen werden nur pro forma neu verteilt. Eigentlich ändert sich nichts. Für Star-Wars-Fans gibt es wohl keine schönere Verheißung als diese.