Der Dirigent – Seite 1

Kurz vor seinem Abschied aus dem Fernsehen trat Stefan Raab noch einmal bei der Heute Show im ZDF auf. Der kleine Greis, der da immer seine Wutreden hält, forderte gerade, die SPD möge mal jemanden aufstellen, den die Leute mögen, der auch bei aussichtslosen Kämpfen alles gebe und der schöne Zähne habe, da lief Raab hinter ihm vorbei. In der Hand hatte er ein Brötchen, das verdächtig nach einem Mettbrötchen mit Zwiebeln aussah, aber ohne Gurke.

Es wirkte wie ein letzter Gruß an die Medienbranche, mit deren Regelwerken er jahrelang jongliert hat wie kein Zweiter. Im Herbst 2010 hat Raab einmal eine 20 Punkte umfassende Gegendarstellung im Magazin Focus untergebracht. Die Behauptung des Focus, Raab würde "Mettbrötchen mit Zwiebeln" schätzen, "Gurkenscheibe dazu", konterte er: "Hierzu stelle ich fest, dass ich nie Mettbrötchen mit Gurkenscheiben dazu esse."

Stefan Raab war immer der Dompteur, der Dirigent der öffentlichen Wahrnehmung, nie ihr Gegenstand. Er entschied selbst, worauf sich die Aufmerksamkeit richtete. Und wenn sie sich, was selten vorkam, einmal auf unerwünschte Weise auf ihn selbst richtete, bemühte er nicht einfach das Medienrecht, sondern machte eine Show daraus. Er wehrte sich nicht einfach, er führte den Focus an der Nase durch die Manege.

Er brauchte keine Journalisten

Bereits 1995, da stand er gerade eineinhalb Jahre vor der Kamera, wurde er in der Zeitschrift Tempo mit einer Absage an die Regeln zitiert, an die sich Prominente in Deutschland damals halten mussten, wenn sie etwas werden wollten: "Ich gehe nur zu Partys, wenn es sich nicht vermeiden lässt, zum Beispiel zur Weihnachtsparty von Bild, die werden sonst wirklich böse."

Diese Verweigerungshaltung hat Raab in den folgenden Jahren ausgebaut. Die Kommunikation speziell mit der Bild-Zeitung stellte er irgendwann komplett ein. "Wenn jemand im deutschen Fernsehen bewiesen hat, dass man auch ohne Bild-Begleitung erfolgreich sein kann, dann ich", wurde er 2006 im Spiegel zitiert – und hatte Recht. Man könnte hinzufügen: eigentlich aber auch ohne Begleitung irgendeines anderen Print- oder Onlinemediums. Er brauchte keine Journalisten, um zur Marke zu werden. Auch jetzt, da sein vorläufiger Abschied aus dem Fernsehen bevorsteht, empfängt er keine Journalisten.

Er gab, zumindest in den vergangenen Jahren, vor allem dann Interviews, wenn er ein konkretes Produkt zu verkaufen hatte. Wie die Politik-Talkshow Absolute Mehrheit. Oder einen selbstentwickelten Duschkopf. Dann erzählte er plötzlich doch von einer privaten Veranstaltung – einem Grillabend, auf dem ihm die Idee dazu gekommen sei. Die Geschichte des Duschkopfs stand danach als Spiegel-Vorabmeldung in allen Printmedien, mit Angabe des Preises (29,90 Euro).

Eigene Bühne für eigene Produkte

Für die meisten anderen Belange der Selbstvermarktung hatte er seine an vielen Werktagen ausgestrahlte ProSieben-Show TV total. Er benutzte sie wie einen Social-Media-Account, lange bevor Hollywood-Größen wie Ashton Kutcher begannen, ihre Twitter-Accounts wie eigene Klatschmagazine zu verwenden und sich so von der Regenbogenpresse unabhängig zu machen.

TV total war ein guter Ort, um Künstler zu promoten, die er unterstützt; Comedians eine Bühne zu geben, die irgendwie mit der Produktionsfirma Brainpool assoziiert sind; neue Eventshows wie Wok-WM, Prominenten-Turmspringen, Autoball oder Stock-Car-Rennen zu bewerben. TV total, das durch die ständigen Bezüge aufs eigene Medium von Anfang an selbstbezüglich war, wurde dadurch auch in einem engeren Sinn zu einem selbstreferenziellen Format: Raab setzte im eigenen Produkt andere eigene Produkte ins Bild.

Die Erfindung des Memes

Er hat diese Form der Selbstvermarktung nicht erfunden, aber er nutzte ihre Möglichkeiten sehr, sehr früh. Die Marke Bild etwa bewarb ihre sogenannten Volksprodukte wie den "Volks-PC" oder das "Volks-Bier" erst von 2002 an in der eigenen Zeitung. Raab bewarb in TV total schon 2001 über Tage seinen Boxkampf gegen Weltmeisterin Regina Halmich. Die Rechnung war einfach: Die Zielgruppe erreicht man am besten dort, wo sie ohnehin ist. Der Fragmentierung der Öffentlichkeit setzte er die punktgenaue Zuschaueransprache entgegen.

Schon beim Musiksender Viva hat er das so gehandhabt, als er dort in den neunziger Jahren Sendungen wie Vivasion moderierte. Die Sendung spannte interaktiv das Publikum ein, lange bevor es Social Media gab. So gab es bei Vivasion nicht nur einen symbolischen "Zuschauer der Woche", der, knieend, seinen Kopf durch ein Loch ins Studio strecken durfte. Vor allem schaffte es Raab tatsächlich, massenhaft Zuschauer aus der passiven Rezeptionssituation herauszulocken und aus ihnen eine aktive Community zu machen.

Die YouTuber von heute

1994 gewann er so die reaktionäre ZDF-Hitparade – mutmaßlich deshalb, weil er vorher darauf hingewiesen hatte, dass man für ihn anrufen könne. In einer Zeit, in der ein Wäschekorb voll Leserpost noch Zuschauernähe symbolisieren sollte, führte Raab die alten Schlachtschiffe vor, indem er, mit seinem vergleichsweise kleinen Sender Viva und dessen Publikum im Rücken, die Telefonabstimmung des ZDF aushebelte. Im Zweifel, das wusste Raab damals schon, ist ein lebendiges Publikum, das man gut kennt, erstrebenswerter als ein größeres, das aus unbeteiligten Sockenbüglerinnen besteht.

Und so machte er dann eben Fernsehen. Seine Sendungen enthielten vieles, was man später in digitaler Form wiederfand. Nicht nur waren die Viva-Moderatoren mit ihrem Herumgewackle in billigen Kulissen so etwas wie die YouTuber von heute. Raab nutzte auch schon eine Old-School-Variante des Memes, als von "viralen Inhalten" noch lange keine Rede war. Bei TV total legte er halbsekündige Fernsehschnipsel an, die er auf Knopfdruck abspielen konnte: Lothar Matthäus fragte Bitte?, Anton Hofreiter sagte Machen Sie Schluss mit diesem Theater! Es spielte keine Rolle, was im Fernsehen gezeigt wurde: Sobald er es benutzte, sah es aus, als sei es für TV total produziert worden. Stefan Raab behandelte das deutsche Fernsehen wie Mark Zuckerberg das Internet. Er machte es seiner Marke untertan.

Klagen oder mitspielen

Als das Magazin Spiegel reporter 2000 über TV total schrieb, es handle sich um "totalitäres Fernsehen, weil es die Spielregeln aufstellt, nach denen sich alle richten müssen", war gemeint: Wer bei Raab auftaucht, muss sich entweder juristisch wehren – das war der Weg einer Frau namens Lisa Loch, über deren Namen sich Raab lustig gemacht hatte – oder mitspielen wie die ehemaligen Fernsehmoderatoren Ingo Dubinski und Andreas Türck, die notgedrungen mitlachten, nachdem Raab ihre medialen Missgeschicke vorgeführt hatte.

Die Stimmen, die seine Frechheit feierten, gab es von Anfang an. In der Mehrheit waren sie eher nicht. Unter Fernsehhistorikern ist davon die Rede, Raab habe lange ein "Negativimage in der Presse" gehabt. "Chauvinismus und Frauenhass, Gemeinheit und Arroganz" seien seine Prinzipien, hieß es etwa über ihn. "Raab – das ist die Regression in die anale Phase." Er habe etwas "von einem boshaften Kindskopf" und lache "ständig über seine eigenen Scherze". Sein Schaffen sei voller "Vulgarismen", seine Witze folglich zotig, das Ganze "unappetitlich". Wer ihm unverblümt ressentimentgesteuert an den Bug fahren wollte, beschrieb ihn als "grinsenden Metzgersohn" – als hätte jemand, der mal etwas Richtiges gelernt hat, kein Recht, im Fernsehen aufzutauchen.

Heute liest man die alten Kritiken und wundert sich: Seltsam, wie leicht man die Leute mit ein bisschen Pubertät auf die Palme bringen konnte. Seltsam aber vor allem, wie aus diesem Raab dann doch das Gesicht eines Fernsehens wurde, das nicht nur Preise bekommt, sondern auch am immer noch halbheiligen Samstagabend stattfinden kann.

Die konstruktive Phase

Man kann Stefan Raabs Schaffen grob in zwei Teile gliedern: eine destruktive und eine konstruktive Phase.

Die destruktive erreichte ihren Höhepunkt, als Raab eine medienunerfahrene Anwohnerin aus dem Sächsischen, die in einer Gerichtsshow über einen Knallerbsenstrauch am Maschendrahtzaun mit ihrem Nachbarn gestritten hatte, zur Stichwortgeberin seines bislang einzigen Nummer-1-Hits als Interpret machte: Mit Maschendrahtzaun führte er – das war der Antrieb von TV total von der ersten Sendung 1999 an – die Trostlosigkeit des Fernsehens vor, das mit sogenannten normalen Menschen sein Nachmittagsprogramm vollstellte. Aber er verdoppelte sie auch – und führte nicht nur das Medium, sondern auch die Frau vor, mit dem Argument, er habe nur seinen Spaß mit bereits vorhandenem Fernsehmaterial getrieben. Und öffentlich sei öffentlich.

Was über der Maschendrahtzaunfrau anschließend niederging, war das, was man heute einen Shitstorm nennen würde. Sie hatte sich in die Medien begeben. Nun wurde sie, ohne Erwähnung des genauen Kontexts, weitergereicht und mit Häme überzogen.

Prediger in der Fußgängerzone

Es war, alles in allem, nicht Raabs beste Tat. Aber letztlich tat er sich auch damit als early adopter, als Frühversteher einer anbrechenden Medienära hervor. Er überschätzte die Medienkompetenz branchenferner Menschen genauso wie später viele Internetapologeten: Die vor allem in den nuller Jahren verbreitete Idee, dass es alte massenmediale Machtverhältnisse aushebeln würde, wenn jeder seinen eigenen Kanal betriebe, war naiv. Nicht jeder einsame Prediger in der Fußgängerzone ist ein L. Ron Hubbard. Und nicht jede Hausfrau weiß, worauf sie sich einlässt, wenn sie an einer Gerichtsshow teilnimmt.

Raabs konstruktive Karrierephase begann, als er – nun durchaus glaubhaft aus einem medienkritischen Impuls heraus – eigene Casting-Shows aufsetzte, in denen er, anders als es bei Deutschland sucht den Superstar bei RTL üblich war, nicht nach unten trat und auch nicht in erster Linie Freaks vorführte. Seine Antwort auf den ganzen Castingwahnsinn war nicht, wie er es vielleicht in den Neunzigern gehandhabt hätte, der ironische Bruch. Seine Antwort war Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star, kurz SSDSGPS, eine ernsthafte Castingshow, die tatsächlich das tut, was sie vorgibt: neue Leute entdecken, die singen können.

Er nahm alles ernst

So fand Raab Max Mutzke und, in einem anderen Casting, Lena Meyer-Landrut, die – ohnehin sein größter Coup auf dem Weg zum allseits als Innovator anerkannten Fernsehmann – erfolgreich beim Eurovision Song Contest antraten. Und die heute beide ohne den Makel leben, der an allen Deutschland sucht den Superstar-Teilnehmern klebt, nämlich dem, an DSDS teilgenommen zu haben.

Was sich bei Raabs Casting-Erneuerung erstmals andeutete, wurde später zum bestimmenden Prinzip seiner Arbeit: Raab nahm von da an alles ernst. Das deutlichste Zeichen dafür, dass sich in seiner Vorgangsweise etwas verändert hatte, war die überdrehte Stimme, die in Raab-Shows hörbar überironisch Beiträge und Rubriken ansagte. Sie wirkte plötzlich immer wieder fehl am Platz, etwa wenn es um die Ankündigung einer Band ging, die Raab doch eigentlich gar nicht nur ironisch gut gefunden wissen wollte.

Plebs-Version von Harald Schmidt

Raab veranstaltete Turniere, bei denen Prominente in Woks eine Rennrodelbahn hinunterschossen oder Saltos vom Zehn-Meter-Turm versuchten. Die Ironisierung durch lustige Kostüme aber war untersagt. Das Geheimnis dieser Formate, von denen einige in alle Welt exportiert wurden und für deren Entwicklung Raab in guter Erinnerung bleiben wird, ist nicht, dass er dabei das Rad neu erfand. Sondern die Haltung, mit der er sie veranstaltete. Keine Schlag den Raab-Ausgabe, bei der er gegen Unbekannte antrat, bei der er nicht unbedingt hätte gewinnen wollen.

Das Drama der traditionellen Unterhaltungsshow hat zuletzt darin bestanden, dass sie auch das Publikum veräppelt haben. Bei Raab war das anders. Als Markus Lanz als Wetten, dass..?-Moderator einmal einer Frau aus dem Publikum zu einem Preis verhalf, obwohl sie in einem kleinen Wettkampf gar nicht die Regeln befolgt hatte, wurde er ausgebuht. Stefan Raab, der an diesem Abend zufällig zu Gast war, sagte: "Ich kann die Leute verstehen."

Geschmeidige Anpassung

Raab, der in den ersten Jahren seiner Karriere als Plebs-Version von Harald Schmidt beschrieben wurde, wurde mehr und mehr zu einem Anti-Schmidt. Während Schmidt lieber die Segel strich, als sich unironisch den Publikumserwartungen anzupassen, machte sich der Fernsehrealo Raab erst richtig geschmeidig.

Ist Raab also opportunistisch? Links, rechts, irgendwas? Sein Publikum war mit solchen Kategorien jedenfalls nie zu fassen. TV total wurde nicht etwa nur von Bildungsfernen gesehen, sondern zumindest eine Zeit lang von Angehörigen aller Milieus, die sich, unabhängig vom Bildungsgrad, durch eine moderne Grundorientierung auszeichneten: sogenannte Experimentalisten, Hedonisten und moderne Performer. Wer ihn nicht mochte, waren einerseits die DDR-Nostalgiker, die Traditionsverwurzelten und Konservativen, andererseits eine intellektuelle Elite aus dem Milieu des Postmaterialismus. "TV total erweist sich damit als ein Sendeformat, das besonders auf den Geschmack heutiger junger Menschen und deren Wertorientierungen zugeschnitten scheint", resümierte die Medienwissenschaftlerin Karin Knop 2007.

Man kann es als Ausweis von Raabs gutem Gefühl für Stimmungslagen verstehen, dass er sich nun, mit 49, fürs Erste aus dem Fernsehen für junge Leute verabschiedet, bevor es zu spät ist. Er geht, bevor das Fernsehen ihn am Ende nicht mehr will. Es ist schließlich nicht so, dass Stefan Raab sich dem Fernsehen unterordnen würde. Es ist immer noch umgekehrt.