Allein unter Pantoffelhelden – Seite 1

Erik ist ein Arschloch. Das sagt sogar sein Erschaffer über ihn, der dänische Filmemacher Thomas Vinterberg, der ihn dennoch als sein Alter Ego betrachtet – aber dazu kommen wir später noch. Erik betrügt seine kluge, warmherzige und blonde Frau Anna nach 20 Jahren Ehe mit einer ähnlich blonden, aber 20 Jahre jüngeren Frau. Und damit nicht genug. Kurz darauf möchte Erik, dass seine junge Geliebte mit ins gemeinsame Haus einzieht. Das kann natürlich nicht gut gehen. Während sich die Neue nett einlebt, verzweifelt Anna zusehends, und am Ende lässt Vinterberg die heranwachsende Tochter von Anna und Erik, die den Zusammenbruch ihrer Mutter nicht mehr länger erträgt, sogar sagen: "Bitte, Mama, zieh aus!"

Eine starke Frauenfigur, deren Stärke am Ende darin besteht, für ihren Mann alles zu opfern, was sie hat: ihren Job, das gemeinsame Haus, das Zusammenleben mit ihrer Tochter? Geht gar nicht!, musste sich Vinterberg nach der Vorstellung seines neuen Films Die Kommune sagen lassen. Und er weiß selbst: "Heute steht Treue über allem. Wer sie bricht, wird ausgestoßen."

Deswegen spielt sein Film auch nicht heute, sondern vor 40 Jahren. In Kambodscha tobt der Krieg und in Dänemark probiert man es mit freier Liebe. "Damals wurde sanktioniert, wer seinen Partner für sich alleine beanspruchte und nicht bereit war, zu teilen", sagt Vinterberg. Das hätte eine interessante Konfrontation mit unserer heutigen neokonservativen Auffassung von Liebe werden können. Stattdessen hat Vinterberg die Kulissen einer 1970er-Jahre-WG aufgebaut, um die Demütigung einer Frau zu rechtfertigen.

Alkohol und Weinkrampf

Vinterberg nennt es "eine Liebeserklärung an jene Menschen, die damals eine revolutionär andere Vorstellung vom Zusammenleben entwickelt haben". Solche Menschen kennt der 46-jährige Filmemacher gut, denn er hat selbst im Alter zwischen sieben und 19 in einer Kommune gelebt. Doch die Mitglieder seiner Film-WG hat er zur Staffage degradiert; letztlich schildert er das Zerbrechen einer Kleinfamilie. "Es ist ein Bekenntnis", sagt Vinterberg, "ich habe genau dasselbe getan wie Erik". Vinterberg hat nach 17 Jahren Ehe und zwei Kindern seine Frau verlassen für die junge Schauspielerin Helene Reingaard Neumann. Eine höchst private Angelegenheit, die er nun auf die große Leinwand gebracht hat (mit Neumann in der Rolle der jungen Geliebten). Er sei auf der Suche nach Wahrhaftigkeit, sagt Vinterberg im Gespräch. Autobiografische Bekenntnisse sind dafür jedoch kein Garant.

Immerhin wird Anna von Trine Dyrholm verkörpert. Die dänische Schauspielerin sorgt dafür, dass ihre Figur trotz Alkohol und Weinkrampf ihre Würde nicht verliert, und schafft es sogar, noch dann glaubhaft zu wirken, wenn das Drehbuch trotz der ganzen Unbill, die ihr widerfährt, ein Lächeln von Anna verlangt. Dyrholm hätte sicher Chancen auf ihren eigenen Bären, wäre Die Kommune rund um Dyrholm herum nicht ein so konventionell-missglückter Film.

Männer sind nicht alles

Die Figur der Anna bildet einen Kontrast zu etlichen anderen Frauen im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale. Die nämlich stecken die Männer kurzerhand in eine Handtasche, die sie nicht mehr brauchen. Oder dorthin, wo die Jurypräsidentin Meryl Streep gleich zu Beginn des Festivals ihren männlichen Beisitzer Lars Eidinger verbannt hatte: "unter den Daumen" (was wenigstens netter klingt als der deutsche Pantoffel).

Da wäre zunächst Isabelle Huppert zu nennen als Nathalie in L'avenir (Dinge, die kommen), die ziemlich exakt das Gegenstück zu Dyrholms Anna ist: Zwar wird auch Nathalie von ihrem Mann mit einer Jüngeren betrogen und verlassen, auch ihr bricht der Job weg; doch statt wie Anna um eine Nacht mit dem Ex zu betteln, stillt Nathalie all ihr Sehnen mit Büchern und Philosophie. Was ganz offensichtlich befriedigend ist. Selten durfte einer Frau in einer Lebenskrise so konsequent und überzeugend jegliches physisches Begehren derart egal sein wie Huppert in dem Film der Regisseurin Mia Hansen-Løve. Männer sind nun wirklich nicht alles, zeigt sie. Huppert spielt es großartig.

Die Frauen entscheiden allein

Auch Sandrine Kiberlain spielt eine starke Frau. Sie ist die Mutter des 17-jährigen Damien (Kacey Mottet Klein), der schwul ist, sich das aber noch nicht gänzlich eingestehen kann und erst über Gewaltexzesse zu seiner ersten Liebe findet (Corentin Fila). Weil Kiberlain glaubhaft einen Raum um die beiden Jungs schafft, in dem diese keinerlei Mobbing oder Druck von außen preisgegeben sind, kann der französische Regisseur André Téchiné sich ganz auf das konzentrieren, was er erzählen will: wie groß die eigenen Ängste sind, die es vor einem Coming-out zu überwinden gilt. In den hohen, verhangenen und kalten Bergen, in denen die beiden Jungs sich das buchstäblich erkämpfen müssen, hat Téchiné dafür gelungene Bilder gefunden.

Julia Jentsch verkörpert ebenfalls eine beeindruckende Mutterrolle. Sie ist schwanger und muss sich in 24 Wochen für oder gegen ihr schwer krankes Kind im Mutterleib entscheiden. Ein monströses Thema, todtraurig und aufwühlend. Lohnend schon allein wegen des hohen Grades an Authentizität, den die Regisseurin Anne Zohra Berrached ihrem Film verpasst hat: durch intensives Recherchieren, einen Cast, zu dem auch echte Ärzte und Berater gehörten, Aufnahmen aus dem Uterus. Marketing-Leute fürchten schon während der Berlinale, dass es schwierig werden könnte, männliche Zuschauer für diesen Film zu begeistern. Das ist – ach übrigens – genau das Thema des Films: wie allein die Frau mit ihrer Entscheidung am Ende ist.

Dyrholm, Huppert, Kiberlain, Jentsch – sie lassen ihre Figuren das alles ziemlich souverän machen, während die Männer um sie herum noch mit Begreifen beschäftigt sind. Die 66. Berlinale hält da gerade kein sehr optimistisches Männerbild fest.

Gefährliche Würstchen

Noch hässlicher wird es in dem Wettbewerbsbeitrag Tod in Sarajevo. Beinahe in Echtzeit und in der quasi geschlossenen Einheit des Holiday Inn-Hotels in Sarajevo verdichtet Danis Tanović, der in Berlin 2013 für Aus dem Leben eines Schrottsammlers den Großen Preis der Jury erhielt, die komplizierte Geschichte von Bosnien und Herzegowina zu einem gekonnt gefilmten Drama. Ein Fernsehteam arbeitet anlässlich des 100. Jahrestags des Sarajevo-Attentats an einer Dokumentation über den Täter Gavrilo Princip und stellt die bis heute heftig diskutierte Frage: Terrorist oder Nationalheld? Aus demselben Anlass wird eine große EU-Delegation im Hotel erwartet, was den Manager nervös macht, denn die Belegschaft droht mit Streik. Das Hotel ist nahezu bankrott. Nur seine beste Kraft Lamija (Snežana Vidović) hält den Laden am Laufen. Doch als ausgerechnet deren Mutter zur Streikführerin gewählt wird, zeigt sich: Männer sind hier nur Würstchen. Leider ziemlich gefährliche.

Und wo sie nicht gefährlich sind, machen sie keine Schnitte. So wie Hedi (Majd Mastoura), Titelheld des tunesischen Wettbewerbsbeitrags von Mohamed Ben Attia (sichtlich beeinflusst von den belgischen Regiebrüdern Luc und Jean-Pierre Dardenne). Wobei der Begriff Held so gar nicht auf Hedi zutrifft. Er ist Autoverkäufer von bemerkenswerter Antriebslosigkeit. Seine energische Mutter bestimmt über seine Freizeit, sein Taschengeld, seine Braut. Erst als Hedi die selbstbewusste Rim kennenlernt, merkt er: Hey, es gibt ein Leben außerhalb meines Peugeots. Aber ob er den Schritt dorthinein wirklich wagen wird? O je, denkt der Zuschauer da, wenn er sieht, was von einem arabischen Mann übrig bleibt, sobald er das Fesselnde der Traditionen abstreift.

Vielleicht würde Meryl Hedi dafür ein Bärchen schenken. Müsste sie es nicht fairerweise Colin Firth und/oder Jude Law zukommen lassen (soweit man das nach dem bisher Gesehenen einschätzen kann), den Hauptdarstellern des Lektoren-Biopics Genius: der eine (Firth/Max Perkins) ist feinsinnig und grundsolide, der andere exaltiert und genial (Law/Thomas Wolfe). Gemeinsam bilden sie ein prächtiges Duo, das Großes leistet. Für die amerikanische Literatur, auf der Leinwand. Gemein, wer jetzt denkt: Ist ja auch ein ziemlich historischer Stoff.