Dabei ist die Schnittmenge groß. Die Hitze Albuquerques, Western mit Autos, Duelle in der Wüste. Selbst wenn Jimmy gerade nicht durch die Halbwelt schlingert, wie zu Beginn der zweiten Staffel, schafft Gilligan Breaking Bad-Flair. Dann rückt ein ungelenker Zufallskrimineller ins Zentrum (genial gespielt von Mark Proksch), protegiert von einem anderen alten Bekannten: Mike (Jonathan Banks). War mal Cop, arbeitet später mal als Mann fürs Grobe für einen Drogenboss. Und ist zurzeit Parkwächter. Ein archetypischer Schwellenhüter. Schranke auf, Schranke zu. Nicht nur vor dem Polizeigebäude, er ist auch Jimmys Zugang zur Unterwelt. Kerberos mit Schlafzimmerblick.

Auch dramaturgisch ähneln sich die Serien. Wie Walter White entspricht Jimmy McGill dem neuen Typus des tragischen Serienhelden. Dem Normalo, dem Ungerechtigkeit widerfährt, der sich wehrt, und der in der Folge Fehlentscheidungen trifft. Nicht nur die eine, die aristotelische hamartia. In Zeiten des seriellen Dramas ist es eine nach der anderen. "Letztlich machen sich diese Charaktere ihre eigenen Probleme", meint auch Gilligans Co-Autor Peter Gould. "Sie sind nicht nur Opfer der Umstände, auch wenn sie sich so sehen. Es ist etwas in diesen Charakteren verankert, das die Probleme verursacht." Eine Abwärtsspirale, die im Untergang des Protagonisten endet.

Jimmy stirbt nicht

Genau an der Stelle weicht Better Call Saul allerdings doch vom Muster ab. Denn Jimmy wird nicht untergehen, er wird in ein paar Jahren Saul Goodman sein, der skrupellose Kriminellenanwalt aus Breaking Bad. Ein schmieriger Clown, geschäftlich erfolgreich, moralisch am Abgrund, doch insgesamt weit entfernt vom Untergang.

Anfangs wollten sie einfach eine Serie über die alltäglichen Abenteuer des Saul Goodman drehen, sagt Gilligan. Doch sie rieben sich immer wieder an der gleichen Frage auf: Wie wird man so? Wieso gibt man sich einen fiktiven Namen und macht sich selbst zum Saulus? "Wir haben erkannt, dass die Serie alle Voraussetzungen einer möglichen Tragödie hat." Mit einer Abweichung: Tragisch ist eine Figur, wenn sie eigentlich gut ist, sich aber durch einen kleinen Fehler schuldig macht und der anschließend Schlimmes widerfährt. Wenn sie nicht der lachende Sieger ist. Brody muss in Homeland sterben, Fargos Protagonisten der ersten und zweiten Staffel, und natürlich Walter White.

Mann mit innewohnender Lieblichkeit

"Es ist eine Schande, dass Jimmy McGill zu Saul Goodman werden muss", sagt Gilligan. "Manchmal denken wir: Vielleicht müssen wir ihn doch nicht diese andere Person werden lassen." Aber das sei nun einmal das Versprechen, das sie dem Publikum gegeben hätten. Nur eine Hintertür lassen sie sich offen: Wie schon zu Beginn der ersten Staffel springt die Serie für eine Szene in eine schwarz-weiße Zukunft, eine dritte Zeitebene, nach den Ereignissen von Breaking Bad. Jimmy ist dann schon nicht mehr Saul, sondern arbeitet als Gene in einer Bäckerei. Einmal Star und zurück?

Die zweite Staffel Better Call Saul ist der nächste Schritt seiner Transformation. Von einem Mann mit "innewohnender Lieblichkeit" (Gould) zum knallharten Egoisten, der kaum nach seinem ersten Auftritt auf der Breaking Bad-Bühne einen Mordvorschlag unterbreitet. Nach der ersten Staffel ist er von der Leine gelassen, fühlt sich der Moral nicht mehr im engeren Sinne verpflichtet. Die Autoren bremsen ihn – "Auch wenn er das will, wir werden es ihm so schnell nicht geben" –, doch der teleologische Verlauf ist vorgegeben.

Und so stellt Better Caul Saul noch deutlicher die Frage, die momentan hinter so vielen seriellen Tragödien Hollywoods steht. Die klassischen Tragödien wollten zeigen, wie man bereits durch einen kleinen Fehler ins Unglück stürzen kann. Der Zeitgeist hat den Fokus verändert. In den Nachrichten geht es um die Reihenhausvergangenheit des Terroristen, der Nachbar des Amokläufers spricht vom völlig unauffälligen Jungen. Die große Frage ist in der Realität und der Fiktion dieselbe: Wie bemächtigt sich das Böse eines ganz normalen Menschen?

Die zweite Staffel von "Better Call Saul" ist ab dem 17. Februar 2016 verfügbar auf Netflix.