Das piefige Klima der 1950er Jahre ist vielfach beschrieben worden, jene Zeit, in der feiste Spießbürger ihre Bäuche nach Jahren des Verzichts endlich hinter das Lenkrad des eigenen Kleinwagens quetschen konnten. Dass der braune Sumpf nicht nur im Schutze von sauber vertikutierten Reihenhausgärten weiter dampfte, sondern dass vor allem in Institutionen und Ämtern bald wieder oder immer noch diejenigen saßen, die schon vor 1945 dort geschaltet hatten, ist ebenfalls Allgemeingut der deutschen Aufarbeitungsgeschichte. Sollte man meinen.

Dass eine Figur wie Fritz Bauer erst jetzt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wird, schürt allerdings Zweifel. Bauer, hessischer Generalstaatsanwalt, war nicht nur maßgeblich am Zustandekommen der Frankfurter Auschwitzprozesse beteiligt. Sein wohl spektakulärster Coup wurde erst nach seinem Tod im Jahr 1968 bekannt: Er hatte geholfen, Adolf Eichmann in Argentinien aufzuspüren.

Genau dieser Episode, die nicht auf geradlinigen bürokratischen Wegen zu bewerkstelligen war, hat sich im vergangenen Jahre der Kinofilm Der Staat gegen Fritz Bauer gewidmet, und – allemal eine seltsame, zeitnahe Doppelung – eben jener Fall steht jetzt auch im Mittelpunkt der ARD-Produktion Die Akte General. Es ist, nach Im Labyrinth des Schweigens nun binnen kurzer Zeit die dritte Auseinandersetzung mit der Figur Fritz Bauer, nachdem er lange Jahre beinahe vergessen schien.

Kämpfender Staatsanwalt

Nun wäre es gewiss ein unlauterer Vergleich, eine Mittwochabendproduktion mit einem Kinofilm vergleichen zu wollen. Dennoch gilt eben auch im Fernsehen die alte Torhüterregel: Wenn du rausgehst, musst du ihn haben. Will sagen: Wer sich eines solch aufgeladenen historischen Themas annimmt, der sollte doch bitte ein wenig mehr daraus machen als eine beschauliche Abendunterhaltung im Sprelacart-Dekor.

Fritz Bauer ist auch deshalb so eine außergewöhnliche Figur, weil er mehr als ein engagierter und gegen die Widerstände der alten Kräfte kämpfender Staatsanwalt war. Bauer, 1903 als Sohn jüdischer Eltern geboren, musste 1936 selbst vor den Nationalsozialisten nach Dänemark fliehen. Als er 1949 nach Deutschland zurückkehrt, ist er nicht nur immer wieder anonymen antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Auch öffentlich scheut man sich nicht, Bauer für seine vermeintliche Rachejustiz zu attackieren.

In Die Akte General nimmt der notorische Ulrich Noethen als Fritz Bauer die Schmierereien an seinem Haus genauso gelassen hin wie die postalisch zugestellten Drohungen. Selbst, als er während eines seiner regelmäßigen Opernbesuche als Jude beschimpft und ins Gesicht geschlagen wird, nimmt Regisseur Stephan Wagner das nicht zum Anlass, die existentielle Zwangslage zu erzählen, in der sich Bauer befindet. Stattdessen wird Bauers Homosexualität ins Bild gesetzt. Nach dem Angriff im Foyer ist flugs ein junger schöner Art zur Stelle, der Bauer das Blut aus dem Gesicht tupft. Auch an den Salons, auf denen Bauer sich in seiner Wohnung mit jungen Männern umgibt und dabei zufrieden Sauerbraten mampft, scheint den Regisseur vor allem das mondäne Flair zu interessieren.

Immerhin wurde noch improvisiert

Dass in einer Zeit, in der Homosexualität strafrechtlich verfolgt wurde, Bauers Neigung eine ständige Gefahr bedeutet, wird zwar erwähnt, aber doch – ähnlich wie die Entführung Adolf Eichmanns – nonchalant beiseitegeschoben. Stattdessen sieht man, wie Bauer beim Abendessen mit dem jungen Staatsanwalt Joachim Hell (David Kross) die für ihn unerträglich bigotten Reden Adenauers (Dieter Schaad) im Fernsehen anschauen muss.

Dass Hell ihn, um die eigene Karriere auszubauen, bespitzelt und die titelgebende "Akte General" anlegt, weiß Bauer da noch nicht. Den Abend verlässt er dennoch aufgebracht, nachdem Nathalie Thiede als sehr süße, sehr schwangere, aber leider auch sehr naive Frau irgendwann in Tränen ausbricht und leise haucht, dass doch aber nicht alle Nazis gewesen sein können.

Und so wird in die Die Akte General zwar vordergründig ein düsteres Kapitel bundesrepublikanischer Geschichte aufgearbeitet. Das geschieht aber in einer ähnlich betulichen Weise, wie die Zeit es gewesen ist, von der erzählt wird. Beinahe hinterlässt dieser Film den fiesen Beigeschmack: Klar, da war einiges schlimm in der jungen Bundesrepublik, aber irgendwie ja auch ganz unterhaltsam, weil immerhin noch improvisiert werden konnte.

"Die Akte General" läuft am 24. Februar um 20.15 Uhr in der ARD.