"You've got the wrong way, Sir", sagt der alte Mann an der Tankstelle und Jake Eppin braucht einen Augenblick, um zu begreifen, was mit dem "falschen Weg" gemeint ist: Soeben wollte er das WC für Schwarze benutzen; das für weiße Männer befindet sich auf der anderen Seite des Gebäudes. 

So ist das, wenn man sich plötzlich im Jahr 1960 befindet. In einem Jahr, in dem man noch nicht einmal geboren war. Aber vielleicht hat Jake Epping ja insgesamt den falschen Weg genommen: "Sie sollten nicht hier sein" ist ein leitmotivischer Satz, den Jake immer wieder zu hören bekommt. Von einem seltsamen Menschen, an dessen Hut eine gelbe Spielkarte steckt. Von einem Personenschützer John F. Kennedys. Oder von einem Feuerwehrmann, der Jake beim Durchstöbern eines abgebrannten Hauses überrascht. Er sollte nicht hier sein, im Jahr 1960. Und wie er dorthin gekommen ist, würde ihm ohnehin niemand abkaufen.

Die Fernsehserie 11.22.63 – Der Anschlag, entstanden nach der Vorlage von Stephen Kings gleichnamigem Roman, spielt lustvoll das in Film und Literatur so vielseitig anwendbare "Was wäre, wenn ..."-Spiel. Was wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? Oder wenn er plötzlich im Jahr 2011 mitten in Berlin aufwachen würde? Wenn die Mauer nie gebaut oder nie gefallen wäre? Oder eben: Was wäre, wenn John F. Kennedy nicht ermordet worden wäre an jenem 22. November 1963 in Dallas?

Das amerikanische Trauma verhindern

Doch der Reihe nach: Jake Epping (James Franco, zu Beginn noch mit einer entstellenden Oberlippen-Kinn-Bartkombination) sitzt, wie so oft, in seinem Stammdiner und isst einen Burger. Ein uramerikanischer Ort. Es sind ja immer diese uramerikanischen, scheinbar unverdächtigen Orte bei Stephen King, an denen alles beginnt. Epping ist verabredet mit seiner Ex-Frau, um die Scheidungspapiere zu unterzeichnen. Das dauert ein paar Sekunden. Als die Frau das Diner verlässt, ist Al Templeton, der Wirt, nicht nur um Jahre gealtert, sondern noch dazu schwer krank. Während der kurzen Zeit war er zwei Jahre lang in der Vergangenheit.

Das Zeitloch befindet sich in der Besenkammer des Diners. Betritt man sie, landet man punktgenau vor dem Restaurant – am 21.10.1960 um 11.58 Uhr. Immer wieder und wieder. Und so lange man auch bleibt, man kehrt aus der Jetztzeit immer wieder zu diesem Datum zurück. Man hätte also drei Jahre, einen Monat und einen Tag Zeit, um Kennedys Leben zu retten. Der Schmetterlingseffekt: Keine Kennedy-Ermordung, kein Vietnamkrieg. Kein Vietnamkrieg, kein amerikanisches Trauma. Es geht um nichts Geringeres als darum, die Geschichte zu heilen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Eine naive Vorstellung, der die Figuren im Roman erliegen, nicht aber der abgezockte Autor King.

 Al Templeton weiß, dass er keine drei Jahre mehr zu leben hat. Also überredet er Jake, die Mission zu übernehmen. Der steckt ohnehin gerade in einer Sinnkrise und lässt sich darauf ein.