Unbemannte Flugobjekte, eine Armee von Gotteskriegern und große Wanderbewegungen: Die Fantasyserie "Game of Thrones" spielt uns seit 50 Episoden die Weltgeschichte vor. Das interessiert längst nicht mehr nur Fans, sondern auch Wissenschaftler, Feuilletonisten und Barack Obama. Der US-Präsident hat die sechste Staffel bereits gesehen. Der Rest der Welt kann erst jetzt mitreden. Zum Beispiel unser Autor. Er analysiert jeden Montagmorgen die Machtkämpfe, Liebesverbindungen und Glaubensfragen in den sieben Königreichen.  

So, wo waren wir stehen geblieben?

Knapp zehn Monate sind vergangen seit der letzten Folge der fünften Staffel von Game of Thrones, zehn Monate, in denen in der wirklichen Welt fast nichts passiert ist (oder war da was?) und in der fiktiven von Westeros die eine Frage einer Antwort harrte: Ist Jon Snow wirklich tot? Oder irgendwie noch lebendig, trotz des Mordanschlags seiner eigenen Leute, den Verschwörern um seinen Vorgänger als Chef der Nachtwache, Ser Alliser Thorne? Oder ist Jon Snow wenigstens noch reanimierbar, trotz all der Stiche in Herz und sonstige innere Organe?

Dazu kommen wir später. Sagt uns auch Game of Thrones. Schließlich ist das eine Fernsehserie, und wie wohl keine andere zuvor besteht ihr Dasein vor allem im permanenten Aufschub. Die wirklich große Frage, die sie ganz am Anfang mal gestellt hat, ihre Existenzfrage also – "Wer besteigt denn nun diesen Eisernen Thron, auf den alle wollen?" – die darf sie nicht beantworten. Sonst wäre ja alles vorbei.

Und so zieht diese Serie von Staffel zu Staffel und drückt sich vor der Antwort, die paradoxerweise eh nur eine vorläufige wäre: Auch Könige sind sterbliche Wesen, jede Herrschaft ist temporär, und wer immer auch irgendwann auf dem Thron sitzen wird, er oder sie wird es nur begrenzte Zeit tun. Das Leben ist endlich, davon handelt die Schlachterserie Game of Thrones im Kern. Es ist alles sinnlos, also vertreiben wir uns die Zeit bis zum Ende mit … Spannung! Wer stirbt als nächstes? Denn nur Götter leben ewig.

Die erste Folge dieser neuen Staffel ist erst mal mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Die fünfte hat einen Haufen Cliffhanger produziert, und jetzt schauen wir den Serienmachern beim Sortieren ihrer und unserer Erinnerung zu. Da bleibt kaum Zeit zum Morden, und so stirbt diesmal nur ein eher unbedeutender und eh relativ nervtötender Nebenstrang.

Der Himmel hier ist furchtbar voll mit Gottheiten

So wie es aussieht, müssen wir fürs Erste nicht wieder nach Dorne schauen, diesem hübsch aussehenden, aber irgendwie nutzlosen Paradiesgarten mit zu vielen Wegen, auf denen Kleinstfiguren wandeln und einander zulabern konnten. Jamie Lannister wollte in der vergangenen Staffel seine Tochter Myrcella aus dieser blumigen Schwatzhölle erretten, das klappte dann nur um den Preis ihres Todes. Nun kehrt er zurück nach Hause zu seiner Schwester Cersei, die ja unpraktischerweise auch die Mutter seiner drei Kinder ist, und hat leider nur die sterblichen Überreste von Myrcella dabei. Zwei der drei gemeinsamen Kinder sind jetzt tot, Cersei glaubt, es bewahrheitete sich eine düstere Prophezeiung, die ihr einst eröffnet wurde.

Doch Jamie erwidert: "Scheiß auf die Vorsehung. Scheiß aufs Schicksal. Scheiß auf alles außer uns beiden. Wir sind die Einzigen, die zählen auf dieser Welt. Und alles, was man uns genommen hat, werden wir uns zurückholen – und mehr."

Game of Thrones findet damit gleich wieder zurück zu einem seiner großen Themen: In jeder mittelalterlichen und also von jeglicher Aufklärung unbelasteten Fantasy stellen sich die Menschen die Frage nach der göttlichen Vorbestimmung. Und weil der Himmel über dieser bestimmten Serie so furchtbar voll ist mit Gottheiten, kann man auch furchtbar viele beschwören.

"Game of Thrones" - Wer die nächste Staffel vielleicht nicht überlebt Ein Projekt der TU München hat sich mit den Überlebenschancen von Charakteren der "Game of Thrones"-Buchvorlage beschäftigt. Wie immer bei der Geschichte gilt: Es sieht nicht gut aus.