Der Film Die Kommune um eine Wohngemeinschaft in den 70er Jahren lief in diesem Jahr im Wettbewerb der Berlinale. Am 21. April kommt die Tragikomödie des dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg nun in die deutschen Kinos.

ZEIT ONLINE: In Die Kommune gründen Anna und Erik, seit langem ein Paar, eine fröhliche Hausgemeinschaft. Schwierig wird es, als irgendwann Eriks junge Geliebte einzieht. Dennoch wirkt Ihr Film wie eine Liebeserklärung an Menschen, die Neues in ihrem Leben und in der Liebe wagen.

Thomas Vinterberg: Ich bewundere sie für ihren Mut, wie ich jeden bewundere, der versucht, Mittelmäßigkeit zu vermeiden. In unserer schüchternen kleinen dänischen Gesellschaft ist es wichtig, dass man sich nicht in die Mitte ziehen lässt. Leute wie Anna und Erik haben eine neue Form des Zusammenlebens ausprobiert, sie wollten ihren Kindern größtmögliche Freiheit schenken und haben versucht, alles zu teilen. Das ist sehr großherzig. Manche haben daraus einen Vorteil gezogen, manche haben darunter gelitten, wie in dem Film. Aber es hatte auch eine Kraft und stand für Werte, die auch heute noch sehr wichtig sind.

ZEIT ONLINE: Welche revolutionäre oder zumindest neue Idee würden Sie gerne wagen?

Vinterberg: Beruflich habe ich bereits 1998 eine Revolution gewagt mit dem Dogma-Film Das Fest. Es ist sehr schwierig, eine neue zu finden. Ich bin nicht mehr jung.

ZEITONLINE: Revolutionäre Ideen sind den Jungen vorbehalten?

Vinterberg: Ja. Später kommen sie einem nicht mehr automatisch und wie von allein. Das ist nicht hart, sondern der Lauf der Dinge. Um wirklich Neues zu wagen, braucht es ein starkes Bedürfnis und auch ein klein wenig Naivität.

ZEIT ONLINE: Anna und Erik sind beide um die 50, als sie eine Kommune gründen. Aus heutiger Sicht mag es etwas naiv wirken, als sie Emma, Eriks junge – und strahlend hübsche – Geliebte, aufnehmen.

Vinterberg: Das Problem ist heute wie damals die Vorstellung unserer Umwelt, wie man zu lieben hat. Die ist ziemlich erbärmlich, aber hartnäckig. Untreue gilt als Verbrechen; wer untreu ist, wird wie ein Kranker behandelt. Damals, in den 1970er Jahren, war das Gegenteil ein Verbrechen: deinen Mann oder deine Frau besitzen zu wollen, galt als falsch. Man musste sie frei geben.

ZEIT ONLINE: Können wir den Partner wirklich sharen wie heutzutage Autos und Wohnungen?

Vinterberg: Im Film versuchen sie es. Heute würden die meisten von sich sagen: Das können wir nicht. Aber ich kenne auch Männer und Frauen, die in Partnerschaften leben, ohne dafür geschaffen zu sein. Ich glaube, dass jedes Paar – voller gegenseitigem Respekt und Fürsorge für den anderen –  seine eigenen Regeln finden sollte. Du kannst dich nicht einer moralischen Norm unterordnen. Ohne solche eigene Regeln werden die Menschen unehrlich zueinander. Die halbe Nation ist sowieso untreu. Aber sie sind heimlich untreu. Das macht sie einsam – und den anderen zum betrogenen Opfer. Es gibt Paare in meinem Land, und ich bin sicher auch in Ihrer Heimat Deutschland, da kommt der Mann eines Tages nach Hause und sagt: "Ich steh sexuell mehr auf Männer als auf Frauen." Wenn es so ist, muss ich es sagen, denn nur dann ist es möglich, noch lange miteinander weiterzuleben, vielleicht sogar noch Sex miteinander zu haben. Weil dann Raum dafür da sein kann.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Film zerbricht Anna fast an der Anstrengung, diesen Raum zur Verfügung zu stellen.

"Die halbe Nation ist sowieso untreu"

Vinterberg: Falls kein Raum da ist, muss man vielleicht getrennte Wege gehen. Aber wenigstens ist man aufrichtig zueinander. Ich glaube an den Wert von Aufrichtigkeit.

ZEIT ONLINE: Verstörend ist nicht nur, wie die Liebe zwischen Anna und Erik endet, sondern auch, dass zeitgleich ein Kind stirbt. Ist es das, was Sie uns zeigen wollen? Das Ende einer Liebe können wir ebenso wenig verhindern wie den Tod eines Kindes?

Vinterberg: Exakt. Ich bin froh, wenn das deutlich geworden ist.

ZEIT ONLINE: Aber gibt es hier nicht einen Unterschied? Können wir den Verlauf unserer Liebe im Gegensatz zu dem einer tödlichen Krankheit nicht doch beeinflussen?

Vinterberg: Nein. Ich bin wirklich überzeugt, dass wir das nicht können. In diesem Film geht es um die Unbeständigkeit der Dinge. Alles vergeht: die Liebe, das Leben, selbst das von einem kleinen Jungen. Und wir können nichts dagegen tun. Es ist eines der größten Geheimnisse des Lebens und ich versuche noch immer, es zu begreifen.

ZEIT ONLINE: Wie weit sind Sie mit Ihren Erkenntnissen?

Vinterberg: Mit diesem Film haben wir versucht zu fragen, was das Leben in einer Kommune ausmacht. Und für diese Frage mussten wir klären, worin das Leben überhaupt besteht. Es besteht aus Verlust: aus dem Verlust von Kontrolle, von Leben, von Liebe.

"Männer ersetzen ihre Frauen durch jüngere. Das ist ein Muster."

ZEIT ONLINE:  Immer wieder inszenieren Sie Anna und Emma im Film so, dass ihr  Altersunterschied deutlich wird. Beide sind blond und haben ein umwerfendes Lächeln, aber Anna ist gut zwanzig Jahre älter. Ihre Haut und ihre Haare sehen nicht mehr so strahlend aus wie die der Jüngeren. Diese Gegenüberstellung wirkt hart.

Vinterberg: Männer ersetzen ihre Frauen durch jüngere. Das ist ein Muster. Es steht groß wie ein Elefant im Raum, aber keiner spricht darüber. Weil es beschämend ist. Weil es entmenschlichend ist und brutal. Ich fand es sehr brutal, und hab es dennoch selbst getan. Ich habe meine Frau verlassen und bin heute bin Helene Reingaard Neumann verheiratet, die im Film die junge Geliebte darstellt. Ich dachte mir: "Du hast es getan, Thomas, gestehe es. Dann kannst du daraus einen Film machen." Die Kommune hat also auch etwas von einem Bekenntnis.

ZEIT ONLINE:  Und? Glauben Sie, Sie werden Absolution erhalten?

Vinterberg: (lacht) Ich hoffe. Natürlich denken manche, das ist ein mieser Trick, aber ich finde tatsächlich, dass es zwar brutal, aber eben auch ein natürlicher Teil des Lebens ist. Und jeder hat Angst davor, dass es ihm selbst passiert, dass man erlebt, wie ersetzbar man ist. Nur damit dieses Gespräch auch versöhnlich endet: Männer haben genauso Angst davor. Und es passiert ihnen auch tatsächlich. Allerdings gibt es, wenn Sie genau nachzählen würden, zynischerweise ein Ungleichgewicht. Diese Gender-Spezifik ist übrigens ganz wichtig im Film. Erik ist ein Arschloch! Er ist ein Mann, dessen Handeln Frauen furchtbar finden, den andere Männer aber verstehen. Genau das erkunde ich: diese brutale und ehrliche Art, ein Mann zu sein.