Mittlerweile ist der Einzige, der sich im Fall Jan Böhmermann noch nicht geäußert hat, Jan Böhmermann selbst. Den Bild-Herausgeber Kai Diekmann machte das so nervös, dass er am Mittwoch ein erfundenes Interview mit Böhmermann auf Facebook postete. Darin ließ er ihn über Angela Merkel, das ZDF und "stolze Männer mit Migrationshintergrund" herziehen. Nicht wenige fielen auf diesen Fake herein, denn Böhmermanns Humor war tatsächlich recht glaubwürdig adaptiert worden. 

Das Interview sagt viel darüber aus, wie sich Böhmermanns Rolle in den Medien in den vergangenen zwei Wochen geändert hat. Der "Saboteur im Maschinenraum", wie ihn der Kollege Felix Stephan treffend bezeichnet hat, ist zum ersten Mal in seiner Karriere nicht mehr Lenker des Geschehens, sondern ein Rädchen im immer heißer laufenden Getriebe. Und muss nun zusehen, wie sich rassistische Untertöne in die Debatte mischen.

Angefangen hatte es recht harmlos mit einer Reihe von Jubelarien. Böhmermann wurde zum letzten Aufrechten einer degenerierten Republik ausgerufen, zum Retter der Satire in Deutschland. Andere Künstler solidarisierten sich, der Springer-Vorstand Mathias Döpfner adelte Böhmermanns Gedicht in einem offenen Brief als "Kunstwerk".

Die Fronten schienen eindeutig gezogen: Hier der aufmüpfige Satiriker, dort der repressive Autokrat. Doch plötzlich schwangen sich auch Leute zu Verteidigern der vermeintlichen westlichen Freiheit auf, die sonst grundlegende Bürgerrechte wie die Unschuldsvermutung und das Recht auf Privatsphäre auf dem Altar der inneren Sicherheit zu opfern bereit sind. So ähnlich konnte man das schon nach den Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Winter 2015 beobachten: Plötzlich hefteten sich Pegida-Demonstranten, die gerade noch "Lügenpresse" skandiert hatten, die Parole Je suis Charlie an die Brust.

Auch unter die Solidaritätsbekundungen für Böhmermann mischt sich zusehends ein subtiler Rassismus. Erdoğan firmiert als "türkischer Sultan", Deutschland muss sich gegen die Menschen "hinten in der Türkei" zur Wehr setzen. In einem Text über Böhmermann in der Welt heißt es: "Während diese Menschen aus Nahost ihre vertrauten Wahrheiten gerade bei uns installieren und Erdogan von Ferne die Grenzen der deutschen Meinungsfreiheit neu zieht, fliegt zwischen den beiden Universen ein letzter tapferer Held hin und her: Super-, pardon: Böhmerman." 

Ausgerechnet Böhmermann soll das Abendland verteidigen

Ob es ihm passt oder nicht: Jan Böhmermann wird nun von jenen instrumentalisiert, die er sonst kritisiert. Im erfundenen Bild-Interview wird ihm in den Mund gelegt: "Wenn wir aus dem Nachtleben irgendetwas gelernt haben, dann doch, dass man in der Konfrontation mit stolzen Männern mit Migrationshintergrund niemals zucken darf. Die Kanzlerin hat gezuckt." Solche Sätze möchten viele Leute gerne hören. Und zwar satirisch abgesichert. Die eigentliche Debatte um das Recht auf Satire und die Meinungsfreiheit fängt an zu entgleisen. Anstelle der berechtigten Aufregung über die Einmischung eines ausländischen Staatschefs in die deutsche Pressefreiheit wird plötzlich ein diffuses Angstgefühl geschürt. Da wolle uns jemand (Erdoğan, "Die Türken", "Die Muslime") zeigen, wie wir leben sollen.

Ausgerechnet Böhmermann, der zuletzt in seinem Video Be deutsch mit Birkenstock und Rammstein-Sound gegen eine graue Armee von AfDlern marschiert, wird nun in die Rolle desjenigen gedrängt, der das Abendland verteidigt. Bislang konnte man sich stets darauf verlassen, dass jemand die versteckten Nationalismen und Rassismen, in denen es sich viele Deutsche so gern bequem machen, ans Tageslicht zerrt. Sein Name war Jan Böhmermann.

Erdoğan-Kritik - Ist Böhmermanns Schmähkritik juristisch erlaubt? Hat sich Jan Böhmermann mit dem Vortragen des Gedichts über den türkischen Premier strafbar gemacht? Der Jurist Alexander Thiele mit einer verfassungsrechtlichen Einschätzung im Videointerview