Als Jan Böhmermann vor zwei Jahren zum ersten Mal den Grimme-Preis für seine Show Neo Magazin bekommen hat, ließ er sich von seinem Sidekick William noch so vorstellen: "Sehen Sie nun auf ZDFneo einen merkwürdig verwachsenen Jammerlappen, der an einem Schreibtisch unverständliches Zeug vor sich hin nuschelt, während hinter ihm nicht-lustiger Quatsch auf eine überdimensionale Leinwand projiziert wird". Wenn er heute den Preis zum zweiten Mal erhalten soll, ist das Verfahren noch dasselbe: Damit niemand merkt, wie ernst es ihm ist, behauptet Jan Böhmermann Anarchie und Dilettantismus.

Bei Harald Schmidt, seinem Vorgänger auf der Position des deutschen Chefsatirikers, war es noch genau andersrum: Schmidt hat sich immer den Anstrich des Bürgerlichen gegeben, um unter dieser Maske dann Dialektwitze zu reißen. Er destillierte seine Gags aus dem Umstand, dass ein gebildeter Mann wie er sich überhaupt dazu herabließ, ins Fernsehen zu gehen.

Böhmermann geht mit dem Medium anders um: Er glaubt an das Fernsehen. Er glaubt auch an den Auftrag der öffentlichen-rechtlichen Medien, ein möglichst breites Publikum mit der Wirklichkeit bekannt zu machen. Und er glaubt, dass die Wirklichkeit, wie sie dem Publikum vom Medienbetrieb routinemäßig vermittelt wird, allzu oft eine Scheinwirklichkeit ist.

Der Fake ist ein Fake

In dem Varoufakis-Stunt, für den er jetzt mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wird, tritt sein Anliegen offen zutage: Günther Jauch hatte in seiner Talkshow dem damaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis einen Clip vorgespielt, auf dem dieser eine Viertelsekunde lang den Mittelfinger in die Luft reckte und sagte, man solle "Deutschland den Finger zeigen".

Varoufakis behauptete daraufhin, die Aufnahme sei manipuliert. Und einen Tag später wandte sich Jan Böhmermann an die Öffentlichkeit und erklärte, das Video sei von seiner Redaktion manipuliert worden und Günther Jauch sei drauf reingefallen.

Als das ZDF schließlich bekannt gab, dass das nicht stimmte und es sich also bei dem Fake um einen Fake handelte, war es auch schon egal. Jan Böhmermann hatte eine öffentlich-rechtliche Medienlandschaft bloßgestellt, die sich mitten in der wichtigsten Richtungsdebatte der Geschichte der EU allen Ernstes darüber unterhielt, ob jemand jemandem den Finger gezeigt hatte oder nicht.

Aktion und Reaktion

Anders als Harald Schmidt erwartet Jan Böhmermann von den Institutionen, deren Aufgabe es ist, die öffentlichen Debatten herzustellen, einfach ein bisschen mehr. "Wir sind nicht nur die Unterhaltungssendung Nummer 18 im Zweiten Deutschen Fernsehen, wir wollen auch Ihr politisches Informationsmagazin sein", sagte er kürzlich in seiner Sendung, wie immer bei ihm halb im Scherz.

Für Böhmermann sieht der Medienzirkus mit seinen ständigen Skandalen und Empörungswellen aus wie die legendäre Installation Der Lauf der Dinge, die die Schweizer Künstler Fischli und Weiss 1987 für die documenta 8 aufgebaut haben: In ihrer Installation löst eine Aktion eine Reaktion aus, die die nächste Reaktion nach sich zieht und immer so weiter. Der Apparat ist ständig in Bewegung, letztlich gehorcht er aber rein mechanischen Gesetzen. Und die sind vor allem berechenbar.

Die Medien gehen oft ähnlich vor: Sie wissen, dass Zuspitzungen und Personalisierungen besser laufen als Stücke, die über die Wirklichkeit so komplex berichten, wie sie nun einmal ist. Deshalb erzählen sie immer die gleiche Geschichte, obwohl die Welt sich verändert. Und Böhmermann verstellt die Schrauben im Maschinenraum so, dass das ganze Arrangement, sobald es für zu viele Leute zu bequem wird, in die Luft fliegt.