ZEIT ONLINE: Was hat Sie an Dave Eggers' Roman interessiert?

Tom Tykwer: Mich hat die Bilderwelt des Buches stark angezogen. Ich suche immer nach Orten, die ich nicht kenne und an denen etwas passiert, das mir vertraut erscheint. Eggers hatte die fantastische Idee, einen Amerikaner in die Wüste Saudi-Arabiens zu schicken. Dort hofft dieser Mann, das Schicksal abwenden zu können, das seine Karriere und sein privates Leben in die Krise schlittern ließ. Dass ausgerechnet in der Wüste für ihn die Erlösung warten soll, in einem Geschäft, das vollständig auf Virtualität aufgebaut ist, klingt erst einmal sehr parabelhaft, hat mich als Sinnbild aber sehr fasziniert und wird im Roman unheimlich genau an der Figur entlang exemplifiziert. Ich hatte sofort eine Vorstellung davon, wie das aus der Literatur herausgeholt werden kann, ohne dass die Vision des Romans beschädigt wird. Das Buch hatte für mich eine schwere und düstere Note, aber ich sah in ihm auch ein unerforschtes Potenzial für eine Komödie.

ZEIT ONLINE: Warum zieht es Filmemacher immer wieder in die Wüste?

Tykwer: In diesem fast undefinierten Raum stellen sich die Körper der Figuren ganz anders dar. Ein Mann wie Tom Hanks in Anzug und Krawatte mit einer Aktentasche an einem Ort, an dem im Umkreis von vielen, vielen Kilometern nichts ist – das ist ein sehr aufgeladenes Bild. Hanks Figur, Alan Clay, ist im analogen Zeitalter aufgewachsen, findet sich in unserer digitalisierten Welt nicht zurecht und muss sich mit diesem unglaublichen Paradigmenwechsel arrangieren. Er ist auf dem Mond gelandet und versucht, so zu tun, als ob er sich da auskennt.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig war die Besetzung Tom Hanks' für Ihre filmische Vision?

Tykwer: Wir hatten ja Cloud Atlas zusammen gemacht und uns sehr gut verstanden. Ich glaube, wir haben beide heimlich gehofft, dass wir noch einmal zueinanderfinden. Als ich dann den Roman las, guckte mich sein Gesicht auf jeder Buchseite an. Dieser Protagonist war für mich die Quintessenz eines Tom-Hanks-Charakters: ein typisch amerikanischer Positivist, der aus seiner Umlaufbahn heraus in ein schwarzes Loch gefeuert wird.

ZEIT ONLINE: Ist Tom Hanks Figur hier auch ein Prototyp Ihrer Generation?

Tykwer: Alan ist der Cheerleader der Babyboomer-Generation, die immer wusste, wo es langgeht, und nun keine Ahnung hat, wo sie steht. Die Globalisierung und Digitalisierung ist so schnell und schockierend über sie gekommen, dass sie eigentlich sprachlos sind. Alan hat sein Leben lang Hardware verkauft und soll nun dem saudischen König ein virtuelles Telefonsystem anpreisen. Alan ist ein Geschäftsmann der alten Schule und hofft, dass keiner merkt, dass er für diesen Deal eine vollkommene Fehlbesetzung ist. Aber dann stellt er fest, dass es noch viel zu entdecken gibt und Menschen wie er, wenn sie die Welt mit anderen Augen anschauen, noch eine Heimat finden können.

Unser globalisiertes Wirtschaftssystem lebt mehr von Behauptungen als von fassbaren Werten.
Tom Tykwer

ZEIT ONLINE: Der Film spielt im luftleeren Raum eines riesigen Industrieparkprojektes, von dem allerdings nur ein Bruchteil der geplanten Gebäude steht. Gibt es die King Abdullah Economic City tatsächlich?