Die meisten der deutschen Kriegsgefangenen, die zu der Räumung gezwungen wurden, waren vermutlich sehr jung und unerfahren. Die Hälfte von ihnen soll getötet oder schwer verletzt worden sein. Wie viele genau es waren, weiß keiner. Zandvliet hat auf Friedhöfen und in historischen Krankenhausakten recherchiert, weil es kaum offizielle Dokumente gibt. Der Einsatz verstieß auch 1945 schon gegen die Genfer Konventionen, nach denen Kriegsgefangene zu keiner Zwangsarbeit verpflichtet werden dürfen. Wohl aus diesem Grund hatten das britische Oberkommando und die dänische Regierung die Räumungstrupps als "Freiwilliges Personal des Feindes" deklariert.

Doch Zandvliet geht es keinesfalls darum, Schuldzuweisungen zu tätigen. Er möchte zeigen, wie nach einem Krieg ein Mensch mit seinem Wunsch nach Vergeltung umgeht, was Gerechtigkeit noch bedeutet, wie Versöhnung möglich ist. Denn ein Krieg, sehen wir, endet nicht mit einer Kapitulation.

Zandvliet hätte kaum ein passenderes Bild dafür finden können als die 45.000 Tretminen, die Unter dem Sand verborgen liegen und von den elf Jungs binnen drei Monaten gefunden und mit bloßen Fingern ausgebuddelt und entschärft werden sollen. Die Anspannung, mit der die Jugendlichen langsam über den Strand robben und vorsichtig mit Stöckchen Quadratmeter für Quadratmeter den Strand nach Drähten und Minen durchsuchen, überträgt sich unmittelbar auf den Zuschauer. Sie ist kaum zu ertragen, denn jeder weiß, dass es nicht möglich ist, hier heil herauszukommen.

Hungern lassen

Wer so starke Bilder einfängt, kann sich in den Dialogen beschränken. Also gibt es nur wenige und wenn mit Dialogen gar Gespräche gemeint sein sollen, dann bleiben zwischen den gebrüllten Befehlen kaum eine Handvoll. Sie sind umso kostbarer.

Bald rückt unter den Jungen einer in den Fokus: Sebastian (Louis Hofmann), der aufgrund seiner Charakterstärke eine Führungsfigur unter den Jungs wird. Er ist es dann auch, der es wagt, sich Rasmussen zu nähern. Um Essen zu bitten, um Hilfe zu bitten, als einer der Jungs schwerst verletzt wird. Sebastian bringt Rasmussen dazu, sich zu dem zu verhalten, was vor seinen Augen passiert.  

Das ist wohl die zentrale Aussage von Unter dem Sand: Dass wir als Menschen auch unter widrigen Umständen oft eine Wahl haben, in dem, was wir tun. Rasmussen kann nichts dafür, dass die Jungen hungern. Die Rationen sind vom Oberkommando knapp bemessen. Doch ist es menschlich, sich darauf zu berufen? Als die Jugendlichen in ihrer Not heimlich Tierfutter vom Hof klauen, krepieren sie beinahe, weil es mit Rattengift verseucht ist. Rasmussens erste fürsorgliche Handlung gegenüber seinen Jungen besteht denn auch darin, ihnen Meerwasser zu trinken zu geben, damit sie sich übergeben und das Gift wieder rauskommt. Dann besorgt er Brot und Kartoffeln.

Rasmussens Wandlung wird nicht geradlinig verlaufen, nicht ohne heftige Rückschläge, und schon gar nicht ist seine Menschwerdung unausweichlich. Sein Hass flammt immer wieder auf. Einmal sitzt er mit Sebastian am Strand, es ist einer der raren Momente von Zwischenmenschlichkeit. Sebastian hat ihm eben erzählt, dass er das Kreuz, das er um den Hals trägt, von seinem Vater bekommen hat. "Lebt dein Vater?", fragt Rasmussen.

In das lange Schweigen vor Sebastians Antwort drängt sich eine andere Frage: Und was würde der Tod oder das Leben dieses Vaters für das Verhältnis zwischen dem jungen deutschen Kriegsgefangenen und dem dänischen Feldwebel bedeuten?

Am Ende wird Unter dem Sand die komplizierten Mechanismen des zwischenmenschlichen Miteinanders nach einem solch großen Trauma aufgedeckt haben und zeigen: Wer in Frieden weiterleben will, hat keine Wahl. Er muss wieder zum Mensch werden.