Rumänien hat ein Kinoproblem. Von ehemals geschätzten 600 Kinos, die unter dem Ceaușescu-Regime betrieben wurden, damit die Bevölkerung vor allem mit Heimatpropaganda versorgt werden konnte, sind landesweit noch etwa 60 übrig. Oder 70. Es kommt darauf an, wen man fragt, und ob irgendwo eines schon wieder eröffnet hat für ein paar Monate oder woanders wieder eines geschlossen wurde für immer.  

Der Dokumentarfilmer Alexandru Belc hat in Cinema Mon Amour vor wenigen Jahren einen Kinobetreiber begleitet, der in einer rumänischen Kleinstadt recht hoffnungslos um sein Lebenswerk kämpft. Man sieht Kinder auf dem Kinodach, die lachend Filme von den Spulen rollen. Man sieht den alten Kinobesitzer, wie er ein neues Schild malt, wie er über den abgewetzten roten Samt der Sessel streicht, auf den sich kaum noch jemand setzt. Und man bekommt eine Ahnung, wie es um die rumänischen Programmkinos steht: nämlich schlecht.

Um den rumänischen Film hingegen stand es nie besser als in den vergangenen zehn Jahren. Und das hat viel mit Cristi Puiu zu tun.

Sein Film Der Tod des Herrn Lazarescu zeigte 2005 die Odyssee eines schwer kranken, alten Mannes durch das nächtliche Bukarest. Eine Sanitäterin fuhr darin Dante Lazarescu in einem Rettungswagen von Krankenhaus zu Krankenhaus, und der Zuschauer lernte dabei einiges über das Verhältnis von Individuum zu Institution, über die rumänische Gesellschaft, was sie zusammenhält oder vielmehr warum sie auseinanderfällt. Eine große Erzählung über Einsamkeit und Gleichgültigkeit. Puiu erhielt in Cannes dafür den Preis der Nebenreihe Un Certain Regard.

Lazarescu war nicht nur Puius Durchbruch als Regisseur, sondern der Durchbruch einer ganzen Generation rumänischer Filmemacher, die Puius Ästhetik adaptierte und entwickelte: den observierenden, ungerührten Realismus und die Vorliebe für lange Einstellungen. Die sogenannte rumänische Nouvelle Vague. Die Begeisterung für ihre Filme konnte bald nicht mehr für eine Distinktionsgeste von Kritikern gehalten werden, denen in den westeuropäischen Arthäusern langweilig geworden war. Aus Rumänien kamen tatsächlich die aufregendsten Filme, die in Europa produziert wurden. Regisseure wie Radu Muntean, Cristian Nemescu, Corneliu Porumboiu und einige andere erzählten aus dieser schlecht ausgeleuchteten Welt im Osten Europas, aus der sozialen Gegenwart des Landes, die mit seiner Vergangenheit verknüpft ist – und sie gewannen dafür auf großen internationalen Festivals Preise. Zuletzt Radu Jude für seinen hochkomischen und bedrückenden Wallacheiwestern Aferim! auf der Berlinale (Silberner Bär). Zwei Jahre zuvor hatte dort schon Călin Peter Netzer den Goldenen Bären für Mutter & Sohn erhalten.

Weit entfernt vom üblichen Autorenkino

Während Rumäniens Regisseure weltweit mehr und mehr Anerkennung bekamen, gab Cristi Puiu bekannt, wie sehr ihn sein Lazarescu inzwischen langweile. Mit der sogenannten Nouvelle Vague wollte er auch gar nicht assoziiert werden. Im Jahr 2010 zeigte er in Cannes Aurora, ein drei Stunden und eine Minute langer Film. Bisweilen zähe, leer vergehende Zeit, die man mit einem Metallarbeiter verbringt, den Puiu selbst spielt: Unrasiert, rauchend und mit bedrohlicher Ruhe fährt er durch Bukarest, in dem es mal regnet und mal nicht. Er steht an räudigen Straßenecken oder sieht fern, schraubt ein Gewehr zusammen, erschießt drei Leute und stellt sich der Polizei.

Es findet sich darin keine Psychologie, keine behagliche sozialkritische Pointe. Sogar der Witz war verschwunden und mit ihm ein souveräner Erzähler, der die Lücken in dem Film auffüllen könnte, die Puiu reichlich hinterließ. Er hatte sich sehr unfreundlich vom handelsüblichen Autorenkino entfernt.

In seinem aktuellen Film, dem Wettbewerbsbeitrag Sieranevada, geht Puiu den Weg weiter, den er mit Aurora beschritten hatte. Diesmal wird der Zustand der rumänischen Gesellschaft an einem einzigen, aufs engste begrenzten Ort erzählt. Beinahe die gesamte Handlung spielt in einer winzigen Vierzimmerwohnung, in der sich eine Großfamilie zu einer Gedenkfeier versammelt hat. Die Kamera (Barbu Bălăşoiu) ist auch diesmal so eng wie möglich an den Protagonisten dran, es gibt keine Longshots, sondern beinahe ausschließlich Close-ups. Der Blick wird nie frei auf die Personen, sondern fängt immer nur Gesichter ein, Rücken, Hände. Oft genug wird er von Wänden und Türen oder anderen Personen verdeckt, so dass sich binnen weniger Filmminuten in diesem Setting ein klaustrophobisches Gefühl einstellt.

Ein monumentales Kammerspiel

In den Gesprächen – oder vielmehr in den Fetzen davon – wird die Vergangenheit, die rumänische wie die der restlichen Welt, zwar häufig aufgegriffen und diskutiert, aber ein kohärentes Bild ergibt sich selbstverständlich nicht: Eine gläubige Kommunistin verteidigt die Errungenschaften ihrer Helden von einst; zu Puius Figureninventar gehören eine Royalistin, ein in seinem Glauben zweifelnder Pope, eine zugedröhnte Kroatin (oder Serbin – das weiß hier niemand so genau, nicht mal ihre Freunde) und ein junger Mann, der ein fanatischer Anhänger von Verschwörungstheorien ist und sich völlig verrannt hat in die Idee, dass der 11. September ein inszenierter Anschlag war. Und es gibt jene, denen alles völlig egal zu sein scheint, sei es, weil sie unter Drogen stehen oder sich tief im eigenen Beziehungsknäuel verheddert haben.

Sie alle haben sich in der engen Wohnung versammelt, um eine private Messe zu feiern im Gedenken an den vor 40 Tagen verstorbenen Vater von Lary. Lary ist 40 Jahre alt, lange Arzt gewesen, inzwischen aber Vertreter für medizinische Instrumente und so etwas wie die Hauptfigur in diesem monumentalen Kammerspiel.

Ihm folgen wir von der ersten Einstellung bis zur letzten nahezu ausschließlich, mit ihm stecken wir im Bukarester Verkehr fest und in dieser durchschnittlich verrückten Familie, in der er der einzige zu sein scheint, der keine virulente Macke hat. Aber auch er trägt ein Geheimnis mit sich herum, das er erst gegen Ende enthüllt, und dann auch bloß in einem Halbsatz.

Das Nicht-Erzählen

In den knapp drei Stunden, die der Film und die Feier dauern, nervt irgendwann jeder mal jeden. Allianzen werden geschlossen und gebrochen. Die Rituale funktionieren, wenn auch stotternd und vor allem von den Alten aufrecht erhalten, während die Jungen drauf pfeifen oder sich fügen, ohne einen tieferen Sinn zu erkennen. So deckt man ständig den Tisch ein und wieder ab, serviert Speisen, die nie gegessen werden, näht Anzüge enger, von denen keiner mehr weiß, für wen sie eigentlich gekauft worden waren, packt Fitnessgeräte aus, die nicht funktionieren. Ziemlich absurd, aber in der plätschernden Selbstverständlichkeit, mit der Puiu all diese Handlungen und Dialoge zeigt, nicht absurder als jede andere Familie.

So erklärt sich auch der merkwürdige Titel des Films. Während Der Tod des Herrn Lazarescu einen präzisen Aspekt der Handlung aufgriff und Aurora einen präzisen Punkt in der Zeit beschrieb, nennt Puiu mit Sieranevada nun einen präzisen Ort. Das Wort habe ihm gut gefallen, sagte er in Cannes, "schon rein lauttechnisch". Der Name eines Gebirges hatte darüberhinaus jedoch noch den Vorteil, dass er einen konkreten Ort bezeichnet, also genau das, was Puiu suchte. Und weil die echte Sierra Nevada absolut nichts mit der Handlung zu tun hat, verdeutlicht der Titel gleichzeitig, dass sich dieses Tollhaus Familie auch sonst wo auf der Welt finden könnte. Die Sierra Nevada gibt es schließlich auch nicht nur einmal.