Wir freuen uns immer, wenn wir Überraschungen melden können. Bei der 69. Festivalausgabe von Cannes gab es zunächst diese: Julia Roberts erscheint zur glamourösen Premiere ihres neuen Films in schwarzer Abendrobe, mit blondwelligem Haar, aber tatsächlich barfuß. Im vergangenen Jahr hatte sich der Festivaldirektor Thierry Frémaux einigen Ärger zugezogen, weil er Damen in flachen Sandalen den Roten Teppich verwehrt haben soll. Obwohl ganz sicher nirgendwo eine Zentimeterangabe zur Absatzhöhe von Damenschuhen im Festivalpalast existiert, ist Julia Roberts' Auftritt durchaus als luftige Revolte zu werten.

Ebenso wenig wird irgendwo ein schriftliches Verdikt lagern, dem nach Komödien zum internationalen Wettbewerb nicht zugelassen sind. Dennoch halten sich die weltgrößten Filmfestivals meist daran (wenn man mal von Eröffnungsfilmen absieht, deren Aufgabe es aber ist, gute Laune zu verbreiten). Es ist also diesmal als lustige Revolte zu werten, dass in diesem Wettbewerb gleich drei Filme um die Palmen rangeln, die man "Komödien" nennen könnte, wenn diese Genrebezeichnung nicht – genau – so komisch klingen würde.

Dabei liegt der Scheu der Filmkunst vor diesen Filmen ein tiefes und sehr altes Missverständnis zugrunde. Wenn man will, ist daran schon der Bühnentheoretiker Johann Christoph Gottsched mitschuldig (wenn nicht gar Aristoteles mit seiner Poetik, aber der Teil über die Komödie ist ja verloren), weil Gottsched in seinem Bestreben, das Theater zu erklären, festlegte: Spaßmacherei ist minderwertige Kunst. In Deutschland so beliebte Prollkomödien wie Fuck ju Göhte sind demnach auch nur die Fortschreibungen einer literarischen Tradition: Gelacht werden darf in der Kunst nur übers niedere Volk, von niederem Volk. An der Croisette gibt es das ja aber gemeinhin gar nicht. Und dann das: Cannes kann Selbstironie.

Menschliche Wahrheit bleibt sichtbar

Die Komik der drei Filme funktioniert sehr unterschiedlich. Da ist zum einen die burleske Provinzposse Ma Loute des französischen Regisseurs Bruno Dumont. Der war vor knapp zwei Jahren ganz plötzlich vom schattigen Sozialdrama (Das Leben Jesu, L'Humanité) zur grell ausgeleuchteten Kriminalkomödie gewechselt und feierte einen sagenhaften Überraschungserfolg mit seiner Miniserie P'tit Quinquin (Kindkind). Schon die hat er mit einem deftig überzeichneten Figureninventar ausgestattet, allen voran einem Inspektor, der voller Spasmen und mit minderem Intellekt eine Mordserie aufzuklären versucht, wobei ihn ein nicht viel tauglicherer Gehilfe unterstützt.

Auch in Ma Loute gibt es solch ein Ermittlerduo. "Mein Vorbild waren diesmal Laurel und Hardy", sagt Dumont im Gespräch, und tatsächlich sind die beiden sehr dick und doof. Dumont zelebriert mit ihnen den Slapstick, während sich die beiden im Sommer 1910 an der nordfranzösischen Atlantikküste durch den Sand kugeln, um eine Serie mysteriöser Verbrechen aufzuklären. Sie sind das Bindeglied in der Geschichte zwischen den einheimischen Muschelsuchern (gespielt von lokalen Laiendarstellern) und der bürgerlichen Familie Van Peteghem, Feriengäste, die eine ziemlich monströse Villa über der Bucht beziehen. Dort veranstalten dann vier französische Schauspielstars, vor allem Juliette Binoche und Fabrice Luchini, ein groteskes Sommertheater und beweisen, wie viel Erfahrung und Vertrauen zum Regisseur sie haben müssen, dass sie sich auf dieses Overacting einlassen und sich zu riesigen Kasperlefiguren machen. Dazwischen serviert Dumont wirklich blutige Versatzstücke aus dem Splatter-Genre (Eintopf aus Menschenfleisch) und stößt zu Ikonen erstarrte Bilder um wie jenes vom Liebespaar, das Wange an Wange versonnen in die Landschaft lächelt, bis es einen Fußball an den Schädel bekommt. "Wichtig ist, dass eine menschliche Wahrheit sichtbar bleibt", sagt Dumont über das Übertriebene seiner Figuren.

Diese Wahrheit ist dann grausiger als erwartet. Denn interessanterweise schaltet Dumont schon nach kurzer Zeit den dramaturgischen Motor seiner Geschichte ab und enthüllt die Täter. Womit klar wird: In Ma Loute geht's ihm um etwas anderes. Um die Frage nach der Identität. Wer wir sind, beschäftigt Dumont auch in diesem Film. Seine Erkenntnis ähnelt dabei der aus seinen Dramen: ebenso zum Guten fähig wie gefährlich; Heilige und Tiere in einem. Für Dumont ist das Komische keine andere Gattung. "Um aus einer Tragödie eine Komödie zu machen, habe ich nur die Intensitätsregler verschoben", sagt er. Deshalb knurren seine Figuren beim Anblick einer Frau wie Wölfe.