Noch bevor Der Nachtmahr beginnt, erscheinen Warnhinweise auf der schwarzen Leinwand: Blinkende Lichter, isochronische Töne und binaurale Frequenzen könnten gesundheitliche Probleme auslösen, epileptische Anfälle. Doch dann heißt es lapidar: "Wie auch immer ... dieser Film sollte laut abgespielt werden!"

Wir werden in eine basslastige Partynacht geworfen, in die Welt der feierwütigen Wohlstandsjugend. Am Poolrand tanzt man in zuckenden Lichtern, mittendrin die 17-jährige Tina (Carolyn Genzkow). Für sie und ihre Freundinnen reihen sich die stroboskopisch-fiebrigen Nächte aneinander. Ausbrüche aus dem behüteten Familienalltag in den Berliner Vorstadtvillen.

Schon mit seinen ersten Bildern will Der Nachtmahr anders sein: heißblütiger, enthemmter, unmittelbarer als das, was man gemeinhin vom deutschen Kino kennt. Geschrieben und gedreht wurde das Mystery-Drama von einem Mann namens Akiz. Zweimal war er für den Studentenoscar nominiert, in den USA arbeitete er viele Jahre als Werbe- und Dokumentarfilmer sowie als bildender Künstler. Eine seiner Skulpturen ist der Nachtmahr. Schon vor 15 Jahren sei die Steingussfigur entstanden, erzählt der Künstler im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Das Kunstwerk entwickelte sich über die Jahre weiter: Akiz verpasste der Skulptur eine realistischere Oberfläche, später auch Gelenke. "Irgendwann stand ein Monster vor mir, ein bewegliches Wesen."

Im Film erscheint der Nachtmahr, diese nackte, betongraue Mischung aus Fötus und Greis, Tina in der Küche ihres Elternhauses. Entsetzt ergreift Tina die Flucht. Ihre Eltern nehmen die Angst der Tochter zunächst ernst, lassen am folgenden Tag das Haus von einem Sicherheitsdienst untersuchen. Allein, man findet nichts und erste Zweifel kommen auf. War alles nur ein Albtraum? Mitnichten: Fortan kommt der hässliche Dämon immer häufiger, leert den Kühlschrank oder sitzt stumm vor dem Fernseher. Nur Tina kann ihn sehen. Sie versucht zunächst noch, den unliebsamen Gefährten loszuwerden, findet sich aber bald mit dessen Anwesenheit ab. Schließlich keimt in ihr sogar stillschweigende Zuneigung zu dem friedlichen Alb auf.

Die Symbolik hinter dem als Monsterfilm getarnten Coming-of-Age-Drama ist leicht aufzulösen. Der phlegmatische Nachtmahr verkörpert all das, was sich das Mädchen auf der Schwelle zur Adoleszenz verbietet: den Mut zur Hässlichkeit, Kindlichkeit, Völlerei und Trägheit. Sichtbar für Eltern und Freunde wird er erst, als sich Tina zu dem lasterhaften Wesen bekennt.

Aufregend an diesem Film ist also weniger die Geschichte als vielmehr die Art, wie Akiz sie inszeniert. Lange musste er nach einem Kameramann suchen, der bereit war, seine bildästhetischen Vorstellungen umzusetzen: die fürs Kino ungewohnte Weitwinkelperspektive und der Verzicht auf zusätzliche Beleuchtung. "Die Antwort war immer: 'Das sieht nach nichts aus'", sagt Akiz. "Ich habe dann entgegnet: 'Das soll auch nach nichts aussehen.'" Künstliches Licht zu setzen empfindet er als ebenso anachronistisch wie Puder für die Schauspieler.