"Ist das deine Rache an mir, Junge?", fragt Randyll Tarly seinen Sohn Sam. Der brave beste Freund von Jon Snow hat seinem Vater ausgerechnet eine Wildlingsfrau als Schwiegertochter mitgebracht hat. Dabei ist Wildlinge töten Familientradition bei den Tarlys.

Die Vaterfiguren in Game of Thrones sind entweder Heilige, dann aber meist abwesend oder gleich tot wie der Übervater der Serie, Ned Stark. Oder sie sind die reine Pest. Zeigen ihren Nachkommen ständig, wie enttäuscht sie von ihnen sind, und werden damit selbst für sie zur Enttäuschung. Ach, wenn sie nur vorbehaltlos lieben könnten und für ihre Kinder da wären, die sturen alten Böcke! Es wäre alles gut in Game of Thrones, die Serie hätte sich damit allerdings auch selbst überflüssig gemacht.


Randyll Tarly, dem wir nun zum ersten Mal begegnen, beansprucht einen Platz ganz vorne in der Galerie der väterlichen Scheusale. Er kann seinem Erstgeborenen Sam dessen innere Weichheit und äußerliche Körperfülle einfach nicht verzeihen, das macht er am Abendbrottisch mehr als deutlich. Dann fällt auch noch der Plan in sich zusammen, mit dem Sam die Heimreise nach Horn Hill überhaupt angetreten hatte. Seine Frau Gilly sollte dort mitsamt Kind unterkommen, während er in der Zitadelle von Oldtown seine Maester-Ausbildung abschließen wollte; in der Zitadelle sind Frauen nicht erwünscht, schließlich sind die Maester ein echter Männerbund.

Doch weil Gilly ihren Mann gegen seinen Vater am Tisch verteidigt, kommt heraus, was nicht herauskommen durfte: dass sie eine Wildlingsfrau ist. Diese Enthüllung reicht dem Herrn Papa, um Sam des Hauses zu verweisen. Gar nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätte Randyll die ganze Wahrheit erfahren: dass Sam ja gar nicht der biologische Vater von Gillys Sohn ist, sondern dass der Säugling Kind eines Missbrauchs ist. Gillys eigener Vater Craster hatte sie geschwängert. So werden in dieser Abendbrotszene gleich drei archetypische Vaterrollen erzählt – der Undankbare, der Annehmende, der Schänder.

Dem heimlichen und unheimlich guten, irgendwie auch so richtig schön modernen Patchwork-Daddy Sam bleibt als tatsächliche Rache an seinem eigenen Vater nur, das Familienschwert zu stehlen, bevor er sich mit Frau und Kind von dannen macht. Weniger gutmütige Söhne haben sich in der Serie schon ganz anders von ihren Rabenvätern verabschiedet; daran erinnert eine (aber erst für zukünftige Geschehnisse bedeutsam werdende) Szene in der Folge: Arya Stark sieht sich noch mal das Theaterstück über die Lannisters an, in dem nachgespielt wird, wie Zwerg Tyrion seinen Erzeuger Tywin per Armbrustpfeil auf dem Donnerbalken erledigte. Noch ein Vater, dem niemand hinterhertrauert in Game of Thrones; noch ein ungeliebter Sohn, der wegen fehlender Vaterfürsorge für sein Leben gezeichnet ist. Männliche Erziehungsberechtigte sind in dieser Serie wirklich zu fast gar nichts gut, außer zum Auslösen von Traumata bei ihren Kindern.

Gleich noch zwei weitere problematische Vaterrollen werden in der ominös Blood of My Blood betitelten Folge präsentiert: Mace Tyrell und Jaime Lannister versuchen, den Sektenführer High Sparrow davon abzuhalten, nach der Königinmutter Cersei auch noch Königin Margaery auf einen nackten Bußgang durch die Gassen von King's Landing zu schicken. Mace Tyrell ist als Margaerys Vater ein klassischer Versager, ein wohlmeinender Trottel, der vom weiblichen Teil seiner Verwandtschaft ständig instrumentalisiert wird. Jaime Lannister wiederum wäre der ideale Vater als Beschützer und Ehrenmann, könnte er sich nur zu seinem letzten lebenden Kind bekennen: König Tommen. Doch weil dieser der inzestuösen Verbindung von Jaime und seiner Schwester Cersei entspringt, bleibt ihm nur die undankbarste aller Vaterrollen: die des Heimlichen, letztlich Ohnmächtigen.