Und also sprach Tyrion, der Zwerg unter den Geschichtenerzählern in Game of Thrones: "Ich trinke und ich weiß Sachen." Zum Beispiel, dass die Drachen, mit deren Hilfe Aegon, einer der Vorfahren von Daenerys Targaryen, einst Westeros eroberte, viele Hundert Meilen weit fliegen konnten. Doch dann sperrten die Nachkommen Aegons die Drachen in Gefängnisse ein, ganz so, wie es die derzeitige Adoptivmutter Daenerys tat – und die Tierart verkümmerte. Die Kindeskinder der Drachen waren so klein wie Katzen.

So kann man die Drachenbefreiungsaktion, die Tyrion in der aktuellen Folge von Game of Thrones todesmutig durchführt, einerseits als pragmatische Erhaltung ihrer Waffenfähigkeit verstehen. Die Drachen sind ja so etwas wie mittelalterliche Interkontinentalraketen und entscheidend für Daenerys' Pläne zur Rückeroberung des Eisernen Throns. Andererseits erweist sich Tyrion als gut beratener Berater, denn er zieht Lehren aus der Geschichte. Drachen müssen Drachen bleiben. Und die erhören freundlicherweise auch seine lustigen Worte beim Losmachen: "I'm here to help. Don't eat the help!"

Die Geschichte selbst steht in der Handlung von Game of Thrones noch nicht geschrieben, sie wird lediglich mündlich überliefert. Geschichtsschreiber oder gar wissenschaftlich arbeitende Historiker gibt es nicht in Westeros und Essos. Tatsächlich aber bedient sich die Bücherreihe A Song of Ice and Fire, auf der die Fernsehserie beruht, wie jedes Großwerk der Fantasy literarisch beim historiografischen Genre der Weltchronik, das macht ja ihren Reiz aus.

George R. R. Martin erzählt die Universalgeschichte seiner fiktiven Fantasy-Welt genauso, wie einst Geschichtsschreiber die ihnen bekannte Vergangenheit schilderten, Herodot in seinen Historien im fünften Jahrhundert vor Christi Geburt und zwei Jahrtausende später noch Otto von Freising in seiner Chronica sive Historia de duabus civitatibus – als eine einzige Abfolge von Herrschern und ihren Feldzügen. Die Wissenschaft von der Geschichtsschreibung wurde ja erst im 19. Jahrhundert geboren, und trotzdem streiten sich Historiker bis heute andauernd über die vermeintlich richtige Deutung vergangener Geschehnisse. In der Fiktion einer Fernsehserie wie Game of Thrones gibt es solche diskursiven Probleme nicht, da ist die Historie stets objektiv: Sie muss bloß logisch sein.

Magische Krähenkräfte

Die zweite Folge der sechsten Staffel nun, schlicht Home betitelt, ist eine Geschichtsstunde wie im Zeitraffer. Die Serie ist jetzt über das Material der Bücher hinweg, das scheint ihr wahrhaftig Drachenflügel zu verleihen, denn nach dem etwas behäbigen Anfang in der vergangenen Woche macht sie kurzen Prozess mit zwei Herrschern. Zwei der großen Adelshäuser bekommen neue Regenten, und wir erfahren dann später, was das historisch bedeutet – Gutes eher nicht, klar.

Und irgendwo hinter den sieben Bergen gibt dann nach sehr, sehr langer Zeit Bran Stark mal wieder ein Lebenszeichen von sich. Der querschnittgelähmte kleine Halbbruder von Jon Snow hat Zuflucht gefunden bei der dreiäugigen Krähe aus seinen Träumen, die verwirrenderweise die Gestalt des großen alten Schauspielers Max von Sydow angenommen hat. Dank der magischen Krähenkräfte kann Bran nun in die Vergangenheit seiner Familie schauen, das ist sozusagen gelebte Geschichte: Bran sieht seine längst tote Verwandtschaft wieder, er kann in Gedanken durch Zeit und Raum reisen und ein paar Jahrzehnte zurückblicken.

"Game of Thrones" - Wer die nächste Staffel vielleicht nicht überlebt Ein Projekt der TU München hat sich mit den Überlebenschancen von Charakteren der "Game of Thrones"-Buchvorlage beschäftigt. Wie immer bei der Geschichte gilt: Es sieht nicht gut aus.