Der Künstler hat gesprochen. Während es am lautesten um ihn war, schwieg Jan Böhmermann. Nun, fast fünf Wochen nachdem er im Neo Magazin Royale sein Schmähgedicht vorgetragen und damit beinahe eine Regierungskrise ausgelöst hat, gibt er der ZEIT das erste Interview. Und er hat damit das vorerst letzte Wort in einem erhitzten Gerangel um Deutungshoheit. Allen, die bis jetzt noch nicht verstanden hatten, dass seine Erdoğan-Tirade ein durchtriebenes Mittel zum Zweck war, die Grenzen und Grauzonen von Humor, Satire und Kunstfreiheit durch andere ausloten zu lassen, offenbart er die Exegese aus der Hand des Schöpfers.

Wie man es von einem Satiriker seines Formats erwartet, macht er das im Interview hintersinnig und gewitzt. Dass aber eine solche Geste der Aufklärung überhaupt notwendig zu sein scheint, stimmt schon reichlich traurig. Ein Künstler sollte sich nie genötigt fühlen, sein Werk zu erklären. Ein Witz mit Beipackzettel des Urhebers ist kein Witz mehr. Dass unsere Mediengesellschaft das Vage und Mehrdeutige kaum noch aushält, ist der eigentliche Skandal, der sich offenbart hat. Er wurde in den vergangenen Wochen begleitet vom selbstherrlichen Trompeten der Döpfners, Podolskis, Todenhöfers, Nuhrs, Diekmanns, Hallervordens, all den Werkanalyse-Profis und Hobby-Hermeneutikern – da ist es nur verständlich, dass Jan Böhmermann gern ein paar Dinge geraderücken möchte.

Jan Böhmermann - “Ich bin gespannt, wer zuletzt lacht” Der türkische Präsident Erdoğan hat ihn wegen seines Schmähgedichts verklagt. Die Regierung Merkel ermächtigte die Justiz dazu. Anfang Mai 2016 sprach Jan Böhmermann zum ersten Mal nach der Affäre in der ZEIT. © Foto: Marc Beckmann/Agentur Ostkreuz

Nein, er habe Recep Tayyip Erdoğan nicht beleidigen wollen: "Es ging eher um die Illustration einer Beleidigung, die natürlich auch mit plumpen Klischees und Vorurteilen hantiert", sagt er im Interview.

Nein, das ganze sei wirklich keine Staatsaffäre: "Ich habe einen rumpeligen, aber komplexen Witz gemacht, mehr isses ja nicht. Und jetzt wird eben im Namen des Volkes verhandelt: Witz gegen Bundesregierung."

Nein, die Schmähverse funktionierten nicht ohne ihren Kontext: "Jeder, der dieses Gedicht aus dem Zusammenhang nimmt und losgelöst von der gan­zen Nummer vorträgt, hat nicht alle Latten am Zaun."

Nein, er sei auch nicht xenophob oder kulturchauvinistisch: "Die für mich schmerzhafteste Vorstellung ist wirklich, dass mich jemand wegen dieser Nummer ernsthaft für einen Rassisten oder Türkenfeind halten könnte."

Könnte sein, dass er das möglicherweise oder sogar ganz vielleicht ernst meint.

Deutschland hat in hermeneutischer Hinsicht versagt, die Bundeskanzlerin vorneweg. "Proseminar Schmähkritik", wie Böhmermann die Aktion nennt – nicht bestanden. Werkanalyse: mangelhaft. Wir haben in diesem Fall nicht zum ersten Mal gesehen, wie sich aus vorschneller Zensur, politischen Kurzschlussreaktionen und kontextbefreitem Rumgemeine auf allen Kanälen eine Situation entwickeln kann, die niemand mehr unter Kontrolle hat. Böhmermann und seiner Nummer, deren Teil die Schmähkritik war, ist in diesem Zusammenhang als Einzigem kein Vorwurf zu machen, obwohl er doch im Zentrum der Kritik steht. Vielmehr ist ihm zu verdanken, dass sich dieses Land einmal über seinen Sinn für Humor verständigt hat. 

Böhmermann kehrt nun zurück zur humoristischen Normalität. Am 12. Mai geht sein Neo Magazin Royale wieder auf Sendung. Spotify übernimmt seine gemeinsame Radiosendung mit Olli Schulz als Podcast. Und es heißt, er sei noch diese Woche zu Gast in einer US-amerikanischen Talkshow.

Um das deutsche Publikum nicht gleich wieder zu überfordern, hat er seinen pädagogischen Eifer ein wenig gezügelt: Auch im ZEIT-Interview changiert er zwischen Ernst und Quatsch und lässt seinen Aussagen einigen Interpretationsspielraum. Den Hermeneutikern wirft er aber diesmal Symbole hin, deren Bedeutung sie mit einiger Wahrscheinlichkeit sogar verstehen. Zwinkersmiley und drei Herzchen.

Was uns der Künstler damit sagen möchte? "Mein Team und ich wollen den Humorstandort Deutschland nach vorne ficken." Wir wünschen uns viel Spaß dabei.