Der Balkon ist die zentrale Bühne: Schaut man nach vorne, hat man das ganze Wirtschaftswunder vor Augen. Fabriken, Schlote, der Himmel voll von Dampf und Rauch. Kohle, Stahl, Arbeit, Aufschwung. Links die Tür, die in die Küche der Wohnung führt. Da stehen Herd und Waschmaschine. Da sitzt die Mutter in der Kittelschürze am Tisch und raucht. Dort setzt es Prügel mit dem Kochlöffel, aus nichtigen Anlässen. Und zur Rechten das faszinierende und ein wenig beängstigende unbekannte Terrain: das Zimmer von Marusha, der 15-jährigen Nachbarstochter, die bevorzugt in knappen Röcken oder Hotpants herumläuft und gerne auch mal den BH weglässt.

Das sind die drei Komponenten, die in Adolf Winkelmanns Film Junges Licht aufeinandertreffen: die Ruhrgebietsmalocherwelt der sechziger Jahre, die interfamiliären Friktionen, Abhängigkeiten und Befreiungsversuche. Und eine mal mehr, mal weniger untergründige erotische Spannung. Inmitten von alldem befindet sich Julian Collien (Oscar Brose), zwölf Jahre alt; ein Heranwachsender im Zwischenreich zwischen Sehen und Verstehen. Einer, der das Pech hat, dort zu sein, wo er eigentlich nicht hingehört. Dem aber die Auswege versperrt sind.

Der Schriftsteller Ralf Rothmann, im Ruhrgebiet aufgewachsen, hat mit Romanen wie Stier, Wäldernacht, Milch und Kohle oder eben Junges Licht das Ruhrgebiet der deutschen Wirtschaftswunderjahre in ein literarisches Gebiet verwandelt. Rothmanns Verfahren ist das des poetischen Realismus. Seine Figuren sprechen wenig; die Dialoge sind aus den Härten des Alltags und den Beschwernissen der körperlichen Mühen herausgemeißelt. Und Adolf Winkelmann tut gut daran, sich Rothmanns Verfahren anzuschließen. Auch er vertraut der Macht der Bilder und der assoziativen Kraft des Schweigens – rund neun Minuten dauert es, bis das erste Wort gesprochen wird. Bis dahin wird unter Tage gehämmert und gekloppt.

Einer von denen, die da unter Tage schuften, ist Julians Vater Walter (Charly Hübner), bei der Arbeit in Schwarz-Weiß in Szene gesetzt, wie überhaupt der ganze Film permanent changiert zwischen Farb- und Schwarz-Weiß-Sequenzen, in denen die imposante Kohlen- und Industriekulisse besonders pittoresk wirkt. Dann sehen wir Julian, der sich mit einer Rasierklinge in den Arm schneidet. "Narben", wird er später zu Marusha sagen, und die wird darüber lachen. Die Welt in "Junges Licht" ist eine Welt der kleinen und großen Grausamkeiten, die wie selbstverständlich praktiziert werden und denen allein Julian mit Unverständnis entgegensteht.

Da sind die Jugendlichen aus der Clique, die ihn zwingen wollen, Nacktfotos von Marusha beizubringen und aus Langeweile einen Hund mit Benzin übergießen, um ihn anzuzünden. Julian rettet den Hund und nennt ihn "Fackel".

Da ist die Mutter (Lina Beckmann), die Julian, auf dem Balkon stehend, zwingt, unter den Augen der Nachbarstochter die schmutzige Hose auszuziehen. Da ist der Hausbesitzer Gorny (Peter Lohmeyer in einer Paraderolle als Schmierlappen), der Julian gegenüber deutlich zu erkennen gibt, dass er ihm mehr sein will als nur der freundliche Nachbar von nebenan. Und da ist der Vater, der die physischen und psychischen Zusammenbrüche der Mutter mit den Worten kommentiert, es habe etwas zu Essen auf dem Tisch zu stehen, wenn er nach Hause komme. Der Grat zwischen Pragmatismus und Rohheit ist schmal.