"Dich gab's bisher nicht, belassen wir's dabei." Anna Schering (Lana Cooper) sitzt ihrer Mutter Judith (Jenny Schily) gegenüber, die nach 16 Jahren Haft nun im offenen Vollzug lebt. Judith hatte bei einem Banküberfall einen Sicherheitsbeamten und einen Privatbankier erschossen. Kaltfront heißt der TV-Film von Lars Henning und tatsächlich fröstelt einen häufig beim Zuschauen. 

Hennings Langfilmdebüt im Ersten ist ein kühl inszeniertes Schicksalsspiel. Schon nach den ersten Minuten begreift man, dass hier jemand am Werk war, der ein fein ziseliertes Gespür für Zusammenhänge hat. Jemand, der weiß, woraus der Kitt beschaffen ist, der darüber entscheidet, ob und wie Menschen in Beziehung gehen. Und wenn wieder einmal beklagt wird, die öffentlich-rechtlichen Sender unterstützten keine Talente – hier ist der Gegenbeweis.

Kaltfront erzählt, wie Judith im offenen Vollzug wieder in die Gesellschaft eintaucht. Sie wirkt wie ein Granit, über den 16 Jahre alle rauen Wetter der Isolation gezogen sind. Dennoch verändert sich ihr Leben viel weniger als das der Familien ihrer Opfer. Judiths Auftauchen reißt sie aus ihrem vom Verlust getragenen Gleichmaß und droht den Alltag aller Beteiligten zu zerreißen.

Jan (Leonard Carow), der Sohn des ermordeten Sicherheitsbeamten, erkennt die Mörderin seines Vaters zufällig in der Frankfurter U-Bahn wieder. Dass dies geschieht, kann man Zufall nennen. Aber womöglich übernimmt das Schicksal in diesem Augenblick die Regie, um alle vom einstigen Banküberfall markierten Lebensläufe folgenschwer zusammenzuführen.

Der Verlust seines Vaters macht Jan schwer zu schaffen. Wenn er stottert, scheint es, als würden seine Worte nur immer wieder über den Tod des Vaters stolpern. Der Junge aus einfachen Verhältnissen wird plötzlich zu einem Beschleuniger des Geschehens. Er will den Mord rächen, und wer, außer dem Bankierssohn David Roloffs (Christoph Bach), sollte nicht das Gleiche wollen? Also besucht er ihn, fällt ins aseptische Büro des reichen Erben, in dem jeder Aschenbecher mehr kostet als die Miete der elterlichen Wohnung.

Tief in sich drinnen ermordet er den Vater noch einmal

Christoph Bach, immer ein bisschen an den jungen Robert de Niro erinnernd, spielt David als einen in der Familientradition Gefangenen, den der Tod des Vaters ungewollt in den Chefsessel katapultiert hat. Und den die zu Engstirnigkeit und Hochprozentigen neigende Mutter nicht freigibt.

Von Jan angestachelt, sieht er sich erstmals die Überwachungsvideos des Banküberfalls an. Sein Minenspiel, wenn die Schüsse fallen, ist bemerkenswert. David sitzt gebannt und gefesselt wie vor einem Videospiel, spult immer wieder zurück und man fragt sich, ob er den Vater tief in sich drinnen noch einmal ermordet, um endlich frei zu sein.