Judiths Tochter Anna schließlich liebt, was die Mutter einst verachtet hat. Sie ist die Dauergeliebte eines hochrangigen Bankers und hat ihr Herz in der Frankfurter High Society abgekühlt. Sie weiß, dass sie im falschen Leben unterwegs ist und dass Rebellion kein Dauerzustand ist.

Die Kinder in Hennings sehenswertem Debüt leben das Leben ihrer Eltern spiegelverkehrt weiter und stehen so in ständiger Dissonanz zu ihren verdrängten Gefühlen und Sehnsüchten. Kaltfront ist ein kleines Kunstwerk, das allein schon durch seine Schnitttechnik besticht: Szenen gehen ineinander über, verschwimmen miteinander, wie auch die Leben der Menschen. Wir können den Charakteren dabei zusehen, wie sie in den Ruinen ihrer Lebensläufe nach den passenden Bruchstücken suchen, um sich neu zusammenzusetzen. Im Verlauf einer Nacht prallen schließlich alle vier aufeinander. Dieser Aufprall könnte nun eine Energie freisetzen, die die Rückkehr ins Leben möglich macht. 

Aber manchmal ist es schwerer, umzukehren als den beschrittenen und eingetretenen Weg weiterzulaufen. Für Judith scheinen beide Wege ins Nichts zu führen. "Ich weiß immer noch, warum ich das wollte", sagt sie, als David ihr eine Erklärung für ihre Tat abringen will. "Irgendwann sind die Augen an die Dunkelheit gewöhnt, sodass man im Hellen nicht mehr klarkommt." Als Judith einmal eine Nacht mit einem Mann verbringt, liebkost der ihre Schusswunde an der Schulter. Nüchtern macht sie ihm klar, dass die zärtlichen Bemühungen nichts nützen. Das Nervengewebe ist schon lange zertrümmert.

"Kaltfront", Mittwoch, 4. Mai, ARD, 20.15 Uhr