Die Entourage von Maren Ade ist noch am Morgen danach ganz euphorisiert von den Reaktionen auf die Weltpremiere ihres Films Toni Erdmann, einer klugen und urkomischen Vater-Tochter-Konfrontation. Die französische Zeitung Le Monde spricht von einem "unerhörten Moment in Cannes", wie man ihn nicht jedes Jahr erleben dürfe. In dem Branchenmagazin Screen International, das während des Festivals die aktuellen Wettbewerbswertungen abbildet, hat Maren Ade einen neuen All-Time-Record aufgestellt. Bisher hatte den Mike Leighs Mr. Turner mit 3,6 Punkten inne. Doch nun haben neun der zwölf internationalen Kritiker Toni Erdmann die Höchstpunktzahl 4 gegeben, die restlichen eine 3, was einen Schnitt von sagenhaften 3,8 Punkten macht. An diesem Morgen sprechen hier alle von Goldenen Palmen.

Maren Ade kommt in den Frühstücksgarten ihres kleinen Hotels unweit der Croisette, trotz der frühen Uhrzeit bereits in Glitzerpluderhosen und für weitere Großauftritte geschminkt. Ein Fotograf fragt, ob er ungeplant noch ein paar Aufnahmen machen dürfe. Er darf. Dann bestellt sich Ade ein Mineralwasser und lässt sich auf das Interview ein, das rasch über Toni Erdmann hinauswächst zu einem Gespräch über den Zustand des deutschen Films und die Kunst der Komik.

ZEIT ONLINE: Man möchte Ihnen gleich mehrfach gratulieren: Für die Einladung in den Wettbewerb von Cannes, für die sagenhaften Reaktionen auf Toni Erdmann, zumal es seit acht Jahren wieder mal ein deutscher Beitrag ist, zudem von einer Regisseurin, mit Betonung auf der letzten Silbe. Fangen wir mit diesem Nationalitätending an: Was ist deutsch an Ihrem Film?

Maren Ade: Darüber habe ich auch schon nachgedacht und glaube, dass der Vater Winfried eine typische Figur der deutschen Nachkriegsgeneration ist. Er ist jemand, der sich wie viele andere damals klar abgegrenzt hat gegenüber den eigenen Eltern, die für etwas standen, das man nicht mehr wollte, nämlich den Nationalsozialismus. Winfried ist mit Sicherheit jemand, der sehr antiautoritär erzogen und starke Werte vertreten hat wie Freiheit und Selbstbestimmtheit. Auch deswegen ist seine Tochter Ines eine so selbstbewusste Frau geworden. Aber sie kann all das, was sie von ihrem Vater mitbekommen hat, eben auch gut für ihren Job als Unternehmensberaterin gebrauchen. Winfrieds Erziehung hat sich ein wenig gegen ihn gekehrt. Letztlich haben die Weltoffenheit und die Neugierde, die Väter wie er vermittelt haben, wohl sogar die Globalisierung erleichtert.

ZEIT ONLINE: Gerade die deutsche Presse feiert Sie auch, weil es nach acht Jahren der erste deutsche Beitrag in Cannes ist. Aber gibt es überhaupt noch mononationale Produktionen, also Produktionen, die aus nur einem Land stammen? Zumal in so großen Wettbewerben wie Cannes, Venedig oder Berlin?

Ade: Kaum noch, wobei es natürlich vom Stoff abhängt. Aber wozu auch? Es ist doch gerade interessant, mit mehreren Nationalitäten und unterschiedlichen Leuten zusammenzuarbeiten. Europa funktioniert doch heute auch auf anderen Ebenen so. Man denkt beim Arbeiten nicht mehr an Grenzen. Es macht einfach Spaß. Toni Erdmann ist auch eine österreichisch-rumänische Koproduktion. Das bot sich an, weil der Hauptdarsteller Peter Simonischek Österreicher ist und der Film vor allem in Bukarest spielt. Es sollte aber auch kein Europudding werden.

ZEIT ONLINE: Was ist denn ein Europudding?

Ade: Das sind Produktionen, die sich für diesen und jenen Schauspieler aus diesem und jenem Land entscheiden, damit sie von dort auch noch ein bisschen Fördergeld bekommen. Am Ende merkt man das den Filmen aber an, und man wundert sich wie jüngst auf der Berlinale, warum in einer Geschichte, die in Berlin spielt, plötzlich alle englisch reden müssen.

In Toni Erdmann verhandelt Ade durchaus komplexe und komplizierte Themen – einen Generationenkonflikt, die Auswirkungen der globalisierten Wirtschaft auf die individuelle Zufriedenheit. Ihre Kunst besteht darin, dass sie dies mit einem schlichten, aber äußerst stringenten Stilwillen in Szene setzt und mit einer großen Leichtigkeit in den Dialogen und den Figuren kombiniert. Ob es diese Mischung aus Stil und Luftigkeit ist, die bei der Festivalleitung in Cannes ankam? Immerhin gibt es die Fama, dass man dort deutsche Filme nicht möge. Doch an eine solche Germanophobie mag Maren Ade nicht glauben.

Ade: Es liefen doch immer auch deutsche Filme. Nicht immer nur im Wettbewerb, sondern auch in den Nebenreihen Un Certain regard und Quinzaine des Réalisateurs. Außerdem ist ja die Frage, wie viele deutsche Filme überhaupt eingereicht wurden.

ZEIT ONLINE: Viele meinen, dass ein Filmemacher seinen Film einem Festival nicht aktiv anbietet, sondern vom Festival gefragt wird.

Ade: Nein, nein. Man strengt sich ordentlich an, damit das Material, das man zum Sichten hinschickt, schon ganz schön gut ist und dann wird dort entschieden.

ZEIT ONLINE: Ihr Film Toni Erdmann war noch nicht fertig, als er nach Cannes eingeladen wurde?

Ade: Es war völlig verrückt: Erst am Montag vor Festivalbeginn war er fertig gemischt, nachdem ich vorher rund um die Uhr noch daran gearbeitet hatte. In der Dienstagnacht habe ich die Kopie abgenommen, am Mittwoch hat sie jemand nach Cannes geflogen. Heute fühle ich mich selbst wie aus einem Flugzeug abgeworfen.