Taros Tochter Julia (Stephane Caillard) läuft mit ihrem Liebhaber (Nassim Si Ahmed) durch die graffitibesprühten Betonbauten von Felix Pyat. © David Koskas/​Netflix

Auf der einen Seite die herrschaftlichen Rathaussäle, Taros Stadtvilla, die Postkartenoptik, Taros Cello spielende Ehefrau. Auf der anderen Seite die Standard-Optik der Sozialbauten: In der Cité Felix Pyat sehen wir die üblichen graffitibesprühten Hochhausflure, die zerkratzten Aufzugtüren und die immer auf irgendetwas wartenden Jugendlichen.

Auch inhaltlich müssen die naheliegendsten Optionen herhalten, um die Kluft beziehungsweise die Kollaboration zwischen der Bourgeoisie und den Abgehängten zu beschreiben. Taros Tochter Julia (Stephane Caillard) etwa sucht sich ihre Liebhaber im Viertel Felix Pyat, um gegen ihren Status als Prominententochter zu rebellieren. Taro selbst lässt sich sein Koks von genau dem Gangster besorgen, der seine politischen Freunde ringsum ermordet.

Pistolen im Handtäschchen

Solche Nebenstränge dienen nicht dazu, Marseille mehr Realismus zu verleihen, vielmehr verfestigen sie Stereotype. Der verschlagene Dealer, der enttäuschte "gute Gangster", der maghrebinische Mafiaboss mit seiner blonden Freundin, die ihm seine Handys und Waffen im Handtäschchen hinterherträgt.

Bleibt das große Duell der zwei Macht-Männer Taro und Barrès und das der beiden Schauspieler Dépardieu und Magimel. Man kauft Dépardieu den routinierten Politiker ab, aber er kann in dieser Rolle nicht die Exzessivität und nervöse Getriebenheit ausspielen wie zuletzt als Dominique Strauss-Kahn in Welcome to New York. Und auch an Magimel als Emporkömmling Barrès sieht man sich rasch satt. Dieses Chamäleon, das von sich sagt: "Ich erscheine jedem, wie er mich haben will", ist letztlich ein recht durchsichtiger Charakter.

Das Drehbuch sieht wenig Überraschungen vor

Das hat weniger mit Magimels schauspielerischer Leistung zu tun als vielmehr mit einem Drehbuch, das wenig Überraschungen vorsieht – zumindest in den ersten fünf Episoden, die der Presse vorab zur Verfügung standen. Das Motiv für Barrès' Auflehnung gegen den politischen Ziehvater ist von Anfang an sehr offensichtlich. Und seine Intrigen beschränken sich weitgehend darauf, ältere Politikerinnen in wichtigen Positionen zu verführen und sie für seine Ziele zu missbrauchen.

Hier ist vielleicht auch der einzige Unterschied zwischen einer amerikanischen und einer französischen Netflix-Produktion erkennbar. Während in House of Cards erst die Macht Erotik verleiht, kommt man in Marseille nur mit Erotik zu Macht. So schwingt die Serie routiniert zwischen Parteispenden- und sexuellen Affären hin und her und ähnelt damit irgendwann doch einem französischen House of Cards. 

Die Stadt und ihre Geschichte, die den Machern doch so wichtig gewesen sein soll, bleibt verborgen zwischen den Image-Bildern von Hafen, Kathedrale und Altstadtgässchen. Man hätte lieber auf Jean-Claude Izzo hören sollen, der über seine Marseille-Trilogie schrieb: "Marseille ist keine Stadt für Touristen. Hier muss man Partei ergreifen. Sich für sie begeistern. Für sie sein oder gegen sie. Leidenschaftlich sein."

Aber vielleicht ist es genau das, was uns diese Serie zeigen will. Dass es diesen Sehnsuchtsort, diese unfertige, wilde, chaotische Stadt gar nicht mehr gibt. Sondern dass Marseille inzwischen genau so glatt poliert ist wie dieses Stück Polit-Entertainment.

"Marseille" läuft ab 5. Mai auf Netflix.