War was? hieß die 45. Ausgabe des Neo Magazin Royale nach fünfwöchiger Pause. Und so viel vorweg: Am Ende der Show erinnert sich der Zuschauer kaum noch an die Aufregung um das Schmähgedicht über Recep Tayyip Erdoğan. "Es ist viel Druck auf dieser Sendung", sagt Jan Böhmermann zu Beginn und schickt ein mildes Lächeln hinterher. Er weiß, dass er die Erwartungen seines Publikums in dieser Sendung noch übertreffen wird.

Wie soll man eigentlich noch Satire machen, wenn man selbst zum Gegenstand einer wochenlangen Satireveranstaltung geworden ist? Wenn sich der Springer-Chef "inhaltlich voll" hinter das Erdoğan-Gedicht stellt. Wenn ein CDU-Abgeordneter unter Buhrufen eben diese Zeilen im Bundestag verliest und die Umsitzenden auffordert, sich doch mal in den türkischen Staatspräsidenten einzufühlen?

Jan Böhmermann gibt vor, nunmehr anderen das Feld zu überlassen. Er sei jetzt erst mal raus aus der Witzenummer. Dann liest er Kalauer vor, die von den Zuschauern eingesandt wurden. Humor-Crowdsourcing. 103 Euro für jeden Joke, der es in die Sendung schafft. Eine Anspielung auf den umstrittenen Paragrafen 103 StGB an, der die Beleidigung ausländischer Staatschefs regelt.

Er lässt die anderen für sich sprechen

Zoten gibt es hier nur noch als Zitat: "Gehen Lutz Bachmann, Beatrix von Storch und Horst Seehofer in eine Bar. Sagt der Barkeeper: Verpisst Euch, Ihr Wichser!" Ein Witz von Nils B. aus Bielefeld. Ob der tatsächlich existiert, ebenso wie Johannes A. aus Augsburg oder Matthias M. aus München? Geschenkt.

Als Studiogast hat Böhmermann Gregor Gysi eingeladen, den großen Rhetoriker und Oppositionellen. Eine smarte Wahl. Der sagt zwar zunächst, das Erdoğan-Gedicht habe ihm nicht gefallen, es bediene zu viele Vorurteile. Aber "als Anwalt würde ich für Freispruch plädieren". Außerdem mache Erdoğan eine "Scheißpolitik". Jan Böhmermann hält sich bei diesen Worten kokett die Ohren zu. Eine hübsche Geste, die Gysi dazu ermuntert, gleich auch noch einen Kommentar zu Angela Merkels Verhalten hinterher zu schicken. Dass sie das Verfahren gegen Böhmermann zugelassen habe, den strittigen "Majestätsbeleidigungsparagrafen" dann aber abschaffen wolle, "ist doch völlig inkonsequent". Böhmermann lässt die anderen für sich reden und bleibt juristisch sauber.

Doch er belässt es nicht bei dem kleinen Trick, sich selbst als Sidekick seiner eigenen Sendung zu installieren. Er hat noch eine große Fernsehartistiknummer im Programm. In der wiederkehrenden Rubrik Fernsehnothilfe dokumentiert er unter #verafake die Arbeitsweise der RTL-Sendung Schwiegertochter gesucht. Im zehnten Jahr moderiert Vera Int-Veen die Sendung und gibt darin Junggesellen der Lächerlichkeit preis. Böhmermanns Redaktion hat nun einen vermeintlichen Schwiegersohn in die Sendung eingeschleust, den 21-jährigen "einsamen Eisenbahnfreund" Robin Schulte. Der heißt in Wahrheit Simon Steinhorst und ist 30 Jahre alt. Er ist Schauspieler wie sein fiktiver Vater René.

Menschen abziehen, die sich nicht wehren können

Böhmermanns Team hat den beiden eine Wohnung in Duisburg angemietet und diese möglichst verwahrlost ausgestattet, wie man es aus den vielen Reality-Sendungen von RTL kennt. Mit versteckter Kamera hat das Team festgehalten, wie eine Redakteurin von Schwiegertochter gesucht mit den beiden Männern einen Vertrag aufsetzt und sie unter eidesstattlicher Versicherung, ohne Überprüfung der Personalien, unterschreiben lässt, dass sie keine geistige Behinderung haben. Den Vater, der angibt, acht Bier am Tag zu trinken, stuft sie wider besseres Wissens als Nicht-Alkoholiker ein. Für zehn bis dreißig Drehtage gibt es eine "Unkostenbeteiligung" in Höhe von 150 Euro.

"Kann es sein", fragt Jan Böhmermann unschuldig in die Kamera, "dass jemand einen gefälschten Kandidaten bei Schwiegertochter gesucht eingeschleust hat, nur, um zu dokumentieren, was Vera Int-Veen und RTL seit zehn Jahren für 'ne Scheiße mit Menschen abziehen, die sich nicht wehren können?"


Was war, ist egal – Böhmermann hat wieder die Regie übernommen. Nach #varoufake kommt #verafake. Schon wenige Minuten später feiern ihn seine Fans auf Twitter für sein gelungenes Comeback. Und tatsächlich, die Choreografie dieser Neo-Magazin-Royale-Show ist perfekt: Erst gibt Böhmermann den Büßer, dann den Aufklärer vom Team Royaleraff. Der Umgang der Privatsender mit Scripted Reality und menschenverachtenden Sendeformaten wurde schon oft thematisiert, nicht zuletzt 2011 in einer ausführlichen Panorama-Recherche. Manche wussten es, die meisten ahnten es. Böhmermann setzt das Thema wieder auf die Agenda und bringt RTL, Vera Int-Veen und die Produktionsfirma von Schwiegertochter gesucht in große Bedrängnis.

Dennoch, ein kleiner Beigeschmack bleibt. Dass dieser Coup gleich in der ersten Sendung nach dem Erdoğan-Skandal kommt. Und dass er mit ein wenig zu viel moralischer Überheblichkeit vorgetragen wird. Es ist ja nicht so, dass das Neo Magazin Royale in jüngster Zeit immer besonders sanft mit den Menschen umgegangen wäre.

Aber, und das muss man ihm lassen: Böhmermann hat geschafft, was ihm in den vergangenen Wochen, in denen er nur Objekt der Berichterstattung war, verwehrt blieb. Er zieht die Strippen und dirigiert die Erregungsgesellschaft. Auf die Frage, warum das alles, antwortete er kürzlich auf Facebook: "Weil es mein Job ist, liebe Freunde."

Jan Böhmermann - “Ich bin gespannt, wer zuletzt lacht” Der türkische Präsident Erdoğan hat ihn wegen seines Schmähgedichts verklagt. Die Regierung Merkel ermächtigte die Justiz dazu. Anfang Mai 2016 sprach Jan Böhmermann zum ersten Mal nach der Affäre in der ZEIT. © Foto: Marc Beckmann/Agentur Ostkreuz