Auch Actionfilme können von der Zeitgeschichte überholt werden. Eigentlich wollte Bastille Day von James Watkins vor der Kulisse der schönen Stadt Paris Erfolgen von Filmen wie Bourne Identity, Taken oder zuletzt London Has Fallen folgen, die bewiesen haben, dass die alte Welt als Austragungsort knallharter Action international gut vermarktbar ist. Doch seit dem 13. November 2015 ist Paris in den Augen eines globalen Publikums nicht mehr nur die Stadt der Liebe, die einen hübschen Kontrast zu den gewalttätigen Bildern des Genres bietet, sondern auch eine Stadt des Terrors.

Das konnten die Projektentwickler und Drehbuchautoren von Bastille Day natürlich nicht ahnen. Der Film wurde dann schon im Herbst 2014 in Paris abgedreht. Aber nun sieht jeder den Film, in dem gleich zu Beginn eine Bombe mitten auf den belebten Straßen der Stadt explodiert und eine verzerrte Bekennerstimme weitere Terroranschläge ankündigt, in einem anderen Kontext. Wenn hier ein CIA-Vorgesetzter seinen Untergebenen mit den Worten zurechtweist: "Das hier ist nicht Bagdad. Das ist Paris. Da wird nicht einfach auf offener Straße herumgeballert", dann läuft es einem kalt den Rücken herunter angesichts solch unbeabsichtigter Unverfrorenheit.

In Frankreich wird der Film am 13. Juli pünktlich zum französischen Nationalfeiertag in die Kinos gebracht – ein durchaus gewagtes und nicht ganz geschmackssicheres Vermarktungskalkül der französisch-britisch-amerikanischen Produzenten.

Jene Filmbombe, die vier Passanten tötet, hat vor ihrer Explosion schon eine Odyssee hinter sich. Die junge Polit-Aktivistin Zoe (Charlotte Le Bon) wurde von ihrem Freund dazu überredet, die Tasche mit einem Teddybär voller Semtex im Büro der "Nationalen Partei" zu deponieren, bekam aber mit dem Auftauchen des Reinigungspersonals Skrupel und verließ das Gebäude mitsamt dem Sprengsatz wieder. Der amerikanische Taschendieb Michael (Richard Madden) klaute ihr den Beutel, nahm sich die Wertsachen daraus und legte ihn neben einer Mülltonne ab. Nachdem die Bombe wenige Sekunden später hochging, wird Michael zum Hauptverdächtigen, dessen Fahndungsfoto über die Flachbildschirme der Stadt flimmert. Nicht nur die französische Polizei nimmt die Verfolgung auf, sondern auch der versierte CIA-Ermittler Sean Briar (Idris Elba), der den Verdächtigen nach einer dekorativen Verfolgungsjagd über die Dächer von Paris fasst, aber schon bald von dessen Unschuld überzeugt ist. Gemeinsam macht sich das ungleiche Paar auf die Suche nach den Hintermännern im Polizeiapparat, die mit einem fingierten Bombenfund in einem muslimischen Gemeindezentrum und mit inszenierten Videos von Übergriffen gegen Araber die Stimmung in der Stadt anheizen, um das entstehende Chaos für ihre eigenen Pläne zu nutzen.

Der verschwörungstheoretische Plot ist alles andere als schlüssig entwickelt, die Bilder einer aufgebrachten Stadt, in der fremdenfeindliche Übergriffe und antifaschistische Demonstrationen an der Tagesordnung sind, finden jedoch durchaus einen Resonanzraum in den polarisierten, gesellschaftlichen Verhältnissen dieser Tage. Natürlich darf man diesem durch und durch konventionellen Actionfilm keine seherischen Fähigkeiten zuschreiben. Regisseur Watkins geht es nach eigenem Bekunden denn auch lediglich um gute "Freitagabend-Unterhaltung". Doch selbst diesem Anspruch wird Bastille Day jenseits der unangenehmen tagespolitischen Konnotationen nur unzureichend gerecht. Im letzten Drittel verheddert sich der Film in immer krudere Verwicklungen und nur vermeintlich überraschende Plotwendungen, die zu einem unglaubwürdigen Finale führen sollen. Immerhin: Für Fans des Genres gibt es neben der solide inszenierten Verfolgungsjagd über die Dächer der Stadt auch eine einfallsreich choreographierte Gruppenkeilerei in dem engen Laderaum eines Lieferwagens.

Und Bastille Day bietet auch Idris Elba (Luther). Der spielt hier einen geradlinigen, supersexy Alleskönner mit ausgeprägten Stirnrunzelfähigkeiten und bedient äußerst effizient die Omnipotenzfantasien des Genres. Jüngst wurde Elba als erster schwarzer James Bond und Nachfolger von Daniel Craig ins Spiel gebracht. Ein Film wie Bastille Day macht sich da sicherlich gut in seiner Bewerbungsmappe.