Schach mache Menschen nicht verrückt, vielmehr halte das Spiel Verrückte bei Verstand, hat der englische Schach-Champion William Hartston einmal gesagt. Der Satz würde eine gute Tagline zum Film Das Talent des Genesis Potini abgeben. Regisseur James Napier Robertson hat das Leben dieses neuseeländischen Speedschachstars verfilmt, der 2011 im Alter von 46 Jahren an einem Herzinfarkt starb. Potini litt unter einer bipolaren Störung und verbrachte einen Großteil seines Lebens in psychiatrischer Behandlung. Psychisch labile Genies sind im Kino – von Rain Man über Shine bis A Beautiful Mind – ein beliebter Topos (und immer auch gut für eine Oscarnominierung), darum war es bloß eine Frage der Zeit, bis ein Produzent auf die Idee kommen würde, aus Jim Marbrooks preisgekröntem Dokumentarfilm Dark Horse (2003) ein Biopic zu machen. Das Leben von Genesis Potini ist allerdings auch zu außergewöhnlich, um nicht verfilmt zu werden: Er war ein brillanter Kopf, der auf dem Schachbrett seine inneren Dämonen bekämpfte und Jugendliche für Schach begeisterte, um sie von der Straße zu holen.

Das klingt zunächst nach typischem Erbauungskino, wie man es zur Genüge aus Hollywood kennt: gesellschaftskritisch, leicht verkitscht und mit rührigen Close-ups auf strahlende Kindergesichter. Doch dieser Genesis Potini, dessen gebrochene Biografie sich wie die Idee eines überambitionierten Drehbuchautors liest, wird von Cliff Curtis, dem einzigen Weltstar des neuseeländischen Kinos, gespielt. In Hollywood ist der Maori Curtis auf finstere Typen abonniert, seit er 1994 im Familiendrama Die letzte Kriegerin seinen internationalen Durchbruch als Unterschicht-Brutalo erlebte. Er wird bevorzugt als Gangster (Training Day) oder in beliebter Hollywood-Manier auch als Stellvertreter für alle möglichen ethnischen Gruppen (Pablo Escobar in Blow, Jesus im Bibelkrimi Auferstanden) besetzt. Curtis endlich mal wieder in einer Maori-Rolle zu sehen, ist an sich schon erfreulich. In Das Talent des Genesis Potini macht er zudem nachhaltig Eindruck, und das nicht nur wegen der 30 Kilo, der er für die Rolle zugelegt hat.

Curtis' Genesis ist ein gutmütiger Riese, der nur auf dem Schachbrett seinen inneren Frieden findet. Den Kids bringt er das Spiel mit verbundenen Augen bei. Die Zeitungsausschnitte, die an seine Glanzzeiten erinnern, trägt er stets bei sich. Heute ist Genesis ein Schatten seiner selbst, demonstrativ verschwimmt sein massiver Körper immer wieder im weichen Fokus der Kamera. Und wenn er mal seine Medikamente vergessen hat, verwandelt er sich in ein hilfloses Kind. In diesem Zustand wird er am Anfang des Films von einer Sozialarbeiterin in einem Geschäft aufgegriffen: Genesis brabbelt wirres Zeug und spielt mit manischem Blick auf einem alten Schachbrett Spielzüge nach.

Aber keine Klinik fühlt sich für ihn zuständig. Sein älterer Bruder Ariki, der einer Maori-Gang angehört, drückt ihm zum Abschied nur ein paar Geldscheine in die Hand. Genesis ist aus der Gesellschaft herausgefallen. Unterschlupf findet er bei seinem alten Freund Noble, der mit ein paar Freiwilligen einen Jugendschachclub betreibt, damit die streunenden Kids aus der Nachbarschaft nicht auf dumme Gedanken kommen. Unter den gesellschaftlichen Außenseitern fällt Genesis nicht weiter auf. Und noch einen Ausgestoßenen zieht es in die schäbige Baracke, in der die Kinder vom Schachbrett aus die Welt zu verstehen lernen: Arikis Sohn Mana (James Rolleston) soll wie sein Vater Gangmitglied werden, aber der Junge fühlt sich zerrissen zwischen dem martialischen Machokult der Maori-Männer und seiner Faszination für das Schachspiel.

Schach hat im Kino schon für einige schiefe Metaphern herhalten müssen, zuletzt im Bobby-Fischer-Biopic Bauernopfer – Spiel der Könige als Nebenschauplatz des Kalten Krieges. In Das Talent des Genesis Potini kommt dem Spiel nun eine mythische Bedeutung zu: Die Sagengestalt Māui entriss mit seinen Helfern Neuseeland dem Meer, auf dem Schachbrett wird das Land nun symbolisch verteidigt. Bauern, Springer und Turm bilden mit dem König (Māui) eine unzertrennliche Einheit. Solche sozialpädagogisch wertvollen Anleitungen verabreicht Das Talent des Genesis Potini in homöopathischen Dosen, denn Regisseur Robertson kontrastiert den Optimismus dieses Bildungsromans mit der harschen Realität der Maoris, die trotz gesellschaftlicher Gleichstellung großenteils in Fertighaussiedlungen leben. Mit dem amerikanischen Wohlfühlkino hat der Sozialrealismus Robertsons also wenig zu tun, man könnte dem Film stellenweise sogar seine Milieuschilderungen vorwerfen, die – wenn die Kriegertradition der Maori bemüht wird – kulturelle Stereotypen fortschreiben.

Dennoch entsteht nie der Eindruck, dass Das Talent des Genesis Potini die Kultur der Maori als ethnografisches Ornament benutzt. Die beiläufigen Beobachtungen schärfen vielmehr den Blick auf die erzählerischen Konventionen dieses Sozialmärchens, das ja längst (gerade wieder im deutschen Film Bach in Brazil) zu einer Parodie seiner selbst verkommen ist: der hoch motivierte Sozialarbeiter, der bildungsfernen Jugendlichen Kultur und Werte vermittelt. Der psychisch labile Genesis fungiert eher wie ein unzuverlässiger Erzähler, unbewusst zeigt er die gesellschaftlichen Grenzen des Bildungsromans auf. Am Ende besteht auch ein Schachbrett nur aus 64 Feldern. Es ist überschaubar und in sich geschlossen.