"Ich tue Dinge, weil sie sich gut anfühlen", sagt Cersei Lannister zu der Nonne, die sie so lange erniedrigt hat, als sie auf Befehl des High Sparrow eingekerkert war. Doch wie so oft in Game of Thrones kehren sich irgendwann die Machtverhältnisse um. Meistens endet es mit dem Tode derjenigen, die zuvor die Oberhand hatten. Aber nicht hier, oder noch nicht: Cersei verweigert der gefesselten Nonne die Gnade zu sterben. Erst mal muss sie sich anhören, was Cersei zu sagen hat. Das ist viel. Und zuhören zu müssen, das ist manchmal ja auch eine Art Folter, gerade für eine sittenstrenge Nonne. 

"Ich trinke, weil es sich gut anfühlt. Ich tötete meinen Ehemann, weil es sich gut anfühlte, ihn loszuwerden. Ich schlafe mit meinem Bruder, weil es sich gut anfühlt, ihn in mir zu spüren. Ich lüge, wenn es darum geht, dass ich mit meinem Bruder schlafe, weil es sich gut anfühlt, unseren Sohn vor hasserfüllten Heuchlern zu beschützen. Ja, sogar zu beichten fühlt sich gut an – unter den richtigen Umständen."

Und was für eine Beichte hier kommt! Sie ist gleichzeitig eine Zusammenfassung dessen, was in den ersten knapp 20 Minuten der zehnten und letzten Folge dieser sechsten Staffel geschehen ist: Cersei hat ihre Vergangenheit regelrecht in Schutt und Asche gelegt, indem sie Feuer legen ließ unter der Great Sept in King’s Landing, dem Ort, an dem eigentlich über ihre Sünden zu Gericht gesessen werden sollte. Doch die Angeklagte Cersei ist einfach nicht erschienen. Stattdessen mussten alle sterben, die freiwillig oder unfreiwillig ihrem angesetzten Prozess beizuwohnen gedachten.

Nur einer stirbt freiwillig: König Tommen stürzt sich aus dem Fenster, nachdem er aus der Ferne mitansehen muss, wie die Great Sept in Flammen aufgeht. So verliert Cersei auch ihr drittes und letztes Kind vor der Zeit. Den Wortbestandteil Mutter kann man also jetzt streichen aus dem Titel Königinmutter.

Und zwar buchstäblich, als Cersei schließlich Platz nimmt auf dem Eisernen Thron und sich krönen lässt. Königin Cersei also, kinderlos nunmehr, die einzig übriggebliebene direkte Anverwandte des einstigen Königs, des lange verstorbenen Robert Baratheon: Bei dem Anblick von Cerseis Thronbesteigung schaudert es auch Jaime, ihren Bruder, ihre große Liebe des Lebens. Denn was könnte bedrohlicher sein als eine Herrscherin, die nichts mehr zu verlieren hat, weil sie kein Kind mehr zu verlieren hat – und durch Tommens Tod paradoxerweise alle Macht gewonnen hat. Wer soll noch sicher sein vor ihr und vor der Rachsucht und dem Machtwillen dieser Alleinherrscherin?

Ihre Herrschaft ist durch nichts legitimiert

Zeit dieser Serie hatte Cersei etwas zu verbergen, nämlich die Abstammung ihrer Kinder, die eben nicht von ihrem Ehemann gezeugt worden waren, König Robert, sondern von ihrem Bruder Jaime. Diese Bürde ist Cersei nun los, sie ist auf beängstigende Weise frei von allen Fesseln. Eine neue Bürde jedoch stellt dar, dass Cersei sich faktisch selbst gekrönt hat, auch wenn der ihr stets zu Diensten befindliche Quacksalber Qyburn ihr das Königinnendiadem aufsteckt: Zwar sitzt sie nun auf dem Eisernen Thron, doch ihre Herrschaft ist durch nichts legitimiert als Gewalt und die Tatsache, dass gerade sonst niemand in King’s Landing ist, der einen Anspruch auf den Thron erheben könnte.

Cersei besitzt keine Hausmacht außer der Armee der Lannisters und keine Alliierten; ihr Volk steht nicht hinter ihr, im Gegenteil, vor ein paar Folgen noch hat es sie verhöhnt und bespuckt, als sie nackt auf ihren Büßergang durch King's Landing gehen musste; ihr fehlt auch jeglicher höherer Segen etwa einer Kirche, wie die Sparrows eine darstellten. Und dass im fernen Dorne die in Intrigen geübte Oma Olenna aus dem Hause Tyrell mit der dortigen Herrscherin Ellaria Sand über einen Racheplan gegen Cersei verhandelt, ist ebenfalls kein gutes Vorzeichen.

Macht und Herrschaft muss auch in einer Monarchie wie der von Westeros legitimiert werden. Ohne die Unterstützung des Volkes, ohne Allianzen und kirchlichen Segen bleibt Cersei als Herrscherin nur das Verbreiten von Furcht, das sie auf dem Thron halten könnte. Sie ist eine Tyrannin, und Tyrannen haben nur selten ein langes Leben, denn es findet sich über kurz oder lang immer jemand, der ihnen – und sei es rein metaphorisch – hinterrücks einen Dolch in den Leib rammt.

Wer das Messer gegen Cersei richten könnte? Das Naheliegendste wäre der Naheliegendste: Jaime. Doch dafür muss erst mal die siebte Staffel beginnen. Cersei überwintert bis dahin auf dem Eisernen Thron.