"Ich wähle die Gewalt", sagt Cersei, als ihr zum Sektenbruder konvertierter Ex-Lover Lancel sie zu einer Unterredung mit dem High Sparrow abführen will. Der Königinmutter aber ist nicht nach Reden, und so verliert einer von Lancels Begleitern seinen Kopf, Cerseis Beschützer Mountain reißt ihm den mit bloßen Händen einfach ab. Ja, es tut wieder mal weh beim Zuschauen.

Diese sehr rohe Art der Enthauptung ist bloß einer von vielen blutigen Abgängen in dieser achten Folge der sechsten Staffel von Game of Thrones. Es wird ordentlich erhängt, erstochen und sonst wie getötet. Und doch bereitet diese Episode wieder mal nur vor auf die bedeutsameren Dinge, die da kommen: In der nächsten Folge, so zeigt es die Vorschau, werden die Heere der beiden Bastarde Jon Snow und Ramsay Bolton gegeneinander antreten, dann wird in Massen gestorben und kein Einzelschicksal mehr zählen. So bekommt Lancels Mitbruder in dieser Woche also eine Art Luxustod geschenkt, ganze zwei Einstellungen ist er der Regie wert. Und ab.

In dieser No One betitelten Folge geht es vor allem darum, wie sich die drei Lannister-Geschwister verspekuliert zu haben scheinen. Oder auf dem besten Weg sind, sich zu verspekulieren. Cersei erfährt im Thronsaal aus dem Munde ihres Sohnes König Tommen, dass das von ihr bevorzugte Gerichtsverfahren trial by combat, bei dem der Ausgang eines Duells zwischen zwei Kämpfern das Urteil bestimmt, mit sofortiger Wirkung abgeschafft worden ist. Was zunächst wie ein zivilisatorischer Fortschritt in der reichlich willkürlichen Strafprozessordnung Westeros' klingt, bedeutet für Cersei nichts Gutes. Der ihr treu ergebene Mountain hätte jeden vorstellbaren Duellanten besiegt, während ein Prozess vor einem vom High Sparrow kontrollierten Tribunal für sie sicher nicht gut ausgehen würde. Cerseis Kalkül wird also ausgerechnet von ihrem eigenen Sohn durchkreuzt, der an eine heilige Allianz zwischen Staat und Kirche glaubt und seine Mutter dafür zu opfern bereit ist. Falls der dumme Junge wirklich überreißt, was er da tut.

Der High Sparrow hätte einen guten Papst abgegeben

Was nun? Die naheliegendste Auflösung scheint die zu sein, dass Cersei King's Landing vor dem ersten Prozesstag einfach niederbrennen lässt, so jedenfalls ließe sich ein kryptischer Dialog zwischen ihr und dem Quacksalber Qyburn verstehen. Darin geht es um größere Mengen an Feuer, die in der Stadt vorhanden seien und die nur entfesselt werden müssten. Dann wäre ein für alle Mal Schluss mit der Gottesherrschaft des High Sparrow.

Ein Feuerwerk an Special Effects würde der recht ermüdende Cersei-und-die-Sparrows-Erzählstrang durchaus vertragen, wenngleich er der staatstheoretisch interessanteste Teil von Game of Thrones ist: Historische Vergleiche der Fantasy- mit der echten europäischen Geschichte gibt es zahlreiche, die Serie spielt ja in so etwas Ähnlichem wie dem Mittelalter, und der High Sparrow hätte in dieser Zeit einen guten Papst abgegeben.

Vom Mittelalter bis zur Aufklärung

Sacerdotium und regnum, die geistliche und weltliche Gewalt, prallen in der sechsten Staffel der Serie aufeinander. Den High Sparrow dürstet es nach der Weltherrschaft, mit einem König neben sich gibt er sich nur vordergründig ab. Tommen ist ja auch so himmlisch leicht manipulierbar, das Recht auf eine Art Inquisitionsverfahren hat der High Sparrow ihm schon abgetrotzt.

Bliebe King's Landing stehen und liefe Game of Thrones noch ewig (und nicht nur noch zwei weitere Staffeln), die Serie könnte sich historisch immer weiter hangeln am Verhältnis zwischen Kirche und Staat, übers Hochmittelalter bis in die Neuzeit: vom Investiturstreit im 11. Jahrhundert darüber, wer Bischöfe einsetzen darf, die geistliche oder weltliche Macht, über die Reformation und die protestantische Aufgabe aller weltlichen Macht bis zur Aufklärung und zur endgültigen Trennung von Staat und Kirche im Zeichen der Französischen Revolution im 18. Jahrhundert. Sogar wie die Gewaltenteilung innerhalb des Staates geschaffen und damit unter anderem die Unabhängigkeit der Gerichte verfassungsmäßig etabliert wurde, ließe sich bestimmt mit Lannister-Nachkommen weitererzählen. Man bräuchte als Zuschauer halt sehr viel Geduld.