ZEIT ONLINE: Die Liste der deutschen und österreichischen Schriftsteller, die während des Nationalsozialismus ins Exil gehen mussten, ist – wie Ihr Film Vor der Morgenröte zeigt – sehr lang. Warum war das Schicksal Stefan Zweigs für Sie besonders interessant?

Maria Schrader: Wenn man Stefan Zweig etwa mit Thomas Mann als seinen gleichrangigen deutschen Kollegen vergleicht, ist Stefan Zweig den Kräften des Exils radikaler und schutzloser ausgesetzt. Im Unterschied zu Mann war er Jude und die Angst vor Verfolgung und Auslieferung ein ständiger Begleiter. Thomas Mann exilierte aus Protest, seine Aufrufe an das deutsche Volk, sein Ausspruch: "Wo ich bin, ist Deutschland" zeugen von einer Souveränität und nationalen Identifikation, die für Zweig und wahrscheinlich für keinen Juden existieren konnte. Gleichzeitig ist Zweig neben Mann der weltweit meistgelesene deutschsprachige Schriftsteller. Sein Leben in den Exiljahren vereint enorme Gegensätze: Er wird in Brasilien wie ein Staatsmann empfangen, während er im deutschsprachigen Raum nicht mehr publizieren darf und sein Haus in Österreich von Plünderungen bedroht ist. Er hält Vorträge in Nord- und Südamerika und weigert sich als radikaler Pazifist, seine Sprache zum Angriff zu benutzen und Hitlerdeutschland zu bekämpfen. Er nimmt damit das Risiko einer politischen Vereinsamung in Kauf. Gleichzeitig setzt er wie kein Zweiter seine Verbindungen und sein Vermögen dafür ein, anderen die Flucht aus Europa zu ermöglichen. Anstatt sich wie die meisten seiner Kollegen in New York oder Los Angeles niederzulassen, wählt er die Abgeschiedenheit des brasilianischen Petrópolis. All das macht Zweig zu einer interessanten, stark konturierten Einzelfigur, die immer in den kulturellen Epizentren war, jetzt aber nur mehr Zuschauer des Weltgeschehens wurde. Zweig war ein Humanist, er konnte die Gedanken an die Schrecken, die sich in Europa vollzogen, nicht mehr abstellen, auch wenn er selbst in Sicherheit war. Die Fantasie und die Empathie, die ihn als Schriftsteller auszeichnen, wurden ihm als Person zum Verhängnis.

ZEIT ONLINE: Wenn man seine Utopie von einem vereinten Europa ohne Grenzen betrachtet, erscheint Zweig aber auch als Visionär.

Schrader: Im Grunde hat er dieser Idee auch große Teile seines Werkes gewidmet. Die Vorstellung von einem Europa jenseits der Nationalstaaten beschäftigte ihn sein ganzes Leben lang. Mit dem Inselverlag versuchte er eine europäische Bibliothek in allen Sprachen aufzubauen, in seinen Monografien porträtierte er maßgebliche Personen der europäischen Geschichte und hatte dabei die Vision eines Frieden stiftenden, geeinten Kontinents im Kopf. Im Zentrum des Films steht eigentlich eine klassische, tragische Liebesgeschichte: Die zwischen Stefan Zweig und Europa.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig hat Stefan Zweig in der multiethnischen Gesellschaft Brasiliens schon einen Teil seiner Utopie verwirklicht gesehen. Hat er Brasilien durch eine rosa Brille betrachtet?

Schrader: Auf ihn, in dessen Heimat die Nazis die Rassentrennung vollzogen, musste Brasilien wie das Paradies auf Erden wirken. Der Eindruck, dass Menschen unterschiedlichster Couleur hier friedlich neben- und sogar miteinander lebten, bewegte ihn zu seinem schwärmerischen Buch Land der Zukunft, dessen unkritische Haltung zu sozialen und politischen Missständen ihm später vorgeworfen wurde. Auch dieser Umstand vergrößerte seine Vereinsamung und war vielleicht ebenfalls ein Grund, warum Zweig von Rio in das abgelegene Petrópolis umzog.

ZEIT ONLINE: Es ist der Ort, der wie das Paradies auf Erden wirkt, an dem Stefan Zweig zusammen mit seiner Frau Lotte jedoch Selbstmord beging.

Schrader: Seit ich Fotos dieses Ortes gesehen hatte, dieser tropischen Natur, so fremd und saftig und alles überwuchernd, wurde das ein Bild des Exils für mich: Ein Mensch blickt in eine Landschaft, in die er offensichtlich nicht gehört, und schaut durch sie hindurch. Er ist da und gleichzeitig nicht da. Das Gefühl, in zwei Welten zu leben und zwei Daseinsformen in sich vereinigen zu müssen, muss für jeden Exilanten, der einen Teil seines Lebens zurücklässt, etwas unglaublich Belastendes sein. Lange vor dem Krieg hat Stefan Zweig die Meinung vertreten, dass es doch am besten wäre, ein staatenloser Weltbürger zu sein. Zweig hatte keine regionale Heimatverbundenheit. Er liebte das Reisen und Neuentdecken wie kein anderer – bis zu dem Moment, an dem er es musste.

ZEIT ONLINE: Dieser Film ist alles andere als ein gewöhnliches Biopic und zeichnet sich durch einen sehr feinfühligen und unkonventionellen Erzählrhythmus aus. Manches wird mit harten Schnitten gekappt, und für andere Szenen lassen Sie sich überraschend viel Zeit. Wie haben Sie die narrativen Prioritäten gesetzt?

Schrader: Je mehr ich über Zweig gelesen habe, desto unmöglicher erschien es mir zuerst, daraus einen Film zu machen. Mein Problem mit Biopics ist, dass dort die Ereignisse eines Lebens wie auf eine Perlenkette gereiht, in eine kausale Folgerichtigkeit gebracht und in eine sinnstiftende Dramaturgie gepresst werden. Sobald man solche dramaturgischen Konventionen anwendet, sitzt man in der Falle, weil das Leben in Wirklichkeit nur selten kausalen Zusammenhängen folgt. Die Idee, sich auf Momentaufnahmen zu beschränken und von da aus in die Tiefe zu gehen, war für uns der Start des Projekts. Die Lücke, das Auslassen ist bewusster Teil des Films. Das gab uns zum Beispiel die Freiheit, die ganze Rede von Emil Ludwig auf dem PEN-Kongress zu zeigen. Wenn man diese Rede aus heutiger Perspektive liest, denkt man: "Wahnsinn, wie recht der Mann hatte mit seiner scharfsinnigen Verurteilung des NS-Regimes." Bis man parallel die Aufzeichnungen von Zweig liest, der in dieser Rede nur eine wirkungslose und profilneurotische Geste am anderen Ende der Welt gesehen hat. Mir war es wichtig, eine Erzählform zu finden, in der beide Sichtweisen auf ein und dasselbe Ereignis Raum haben.