Er hat den Traum von der Fortentwicklung der Kunst im Kino wahrgemacht. Das, was einst Kunstformen wie der Lyrik vorbehalten schien, das subjektive Wahrnehmen der Wirklichkeit und ihr kunstvolles Sich-Anverwandeln, hat Abbas Kiarostami mit der Kamera auf die Leinwand übertragen. Dort begleitete er über nahezu ein halbes Jahrhundert die Gegenwart Irans, und so wechselvoll die Geschicke seiner Heimat waren, so tat er dies meist mit einem freundlichen Lächeln.

Schon früh liebte er es, über Land zu fahren und zu fotografieren. Diese Gewohnheit spiegelt sich unmittelbar in seinen Arbeiten wider: Viele der Aufnahmen blattloser Bäume, Zäune, Schneeflächen hat er aus dem Auto heraus aufgenommen – weil wir das meiste genau so wahrnehmen: nicht als pittoreske oder gar bukolische Landschaft, sondern als Ausschnitt, der vom Rahmen der Windschutzscheibe definiert wird.

Dem Auto als bevorzugtem Ort seines Tuns ist Kiarostami auch als Regisseur treu geblieben. Dort zu drehen erwies sich nicht nur als preiswert. Es war auch ein Ort, der einen unabhängiger und unsichtbarer macht für Menschen, die dem Filmen skeptisch gegenüberstehen. Das Auto bietet einen geschützten Raum, in dem man ungehört sagen kann, was man will.

Den Regierungen seiner Heimat ausgeliefert

Kiarostami wurde 1940 in Teheran geboren. Er studierte zunächst Kunst, sagte aber später über dieses Zeit, er habe damals vor allem gelernt, dass er kein Maler sei. Nach seinem Abschluss arbeitete er für ein staatliches Institut, das sich mit Bildung und der geistigen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beschäftigte. Er drehte Lehrfilme für Kinder und Dokumentationen über sie. Es war eine Zeit des schöpferischen Ausprobierens, denn die Einrichtung wurde vom Staat finanziert und Kiarostami konnte dort mit Licht und Ton und neuen Techniken experimentieren wie es ihm als freier Regisseur vermutlich nicht möglich gewesen wäre.

Daneben begann er, eigene Filme zu drehen. Erster Fall, zweiter Fall ist die Geschichte eines Lehrers, der herausfinden will, welcher Schüler hinter seinem Rücken über ihn geredet hat. Und es ist gleichzeitig die tragische, unfreiwillig komische Geschichte darüber, wie Kiarostami den Regierungen seiner Heimat ausgeliefert war. Für die erste Fassung des Ende der 1970er Jahre als Dokumentation angelegten Films zeigte Kiarostami auch die Reaktionen der Bildungsbeauftragten des Schah-Regimes. Dann rief Ayatollah Khomeini seine Islamische Republik aus und Kiarostami filmte noch einmal Kommentare, diesmal von Vertretern des neuen Regimes. Zunächst begeistert von Erster Fall, zweiter Fall, weil sie darin eine Parabel auf die Vorgehensweisen der Geheimpolizei des Schahs sahen, verboten die neuen Machthaber kurze Zeit später den Film, weil darin auch Einschätzungen von Politikern zu hören waren, deren Parteien sie inzwischen verboten hatten. Erst 2003 war Erster Fall, zweiter Fall überhaupt wieder zu sehen.

Dennoch sah sich Kiarostami nie als Widerstandskämpfer oder gar Märtyrer. Und während viele seiner Kollegen, mit denen er die iranische Nouvelle Vague begründet hatte, nach der Revolution das Land verließen, blieb Kiarostami. Lange Zeit waren seine Filme, deren Kunst so tief in der Kultur des Iran wurzelt, in seiner Heimat verboten und nur auf Raubkopien zu sehen. Die Regierung besitzt nicht nur die Kinos im Land, sagte er einmal im Interview, sondern auch den Zugang zu den Produktionsmitteln wie Schnittprogrammen. Den hat man ihm stets erschwert. Noch seinen Film Der Geschmack der Kirsche, den er 1997 drehte und für den er in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, musste er größtenteils nachts schneiden – einfach, weil es die einzigen Zeiten waren, die man ihm für den Schnittraum zugeteilt hatte. Und selbst das Misstrauen, das man ihm wegen seines großen Erfolgs im Westen entgegenbrachte, tat Kiarostami mit feiner Selbstironie ab: Vermutlich wittere die Regierung eine Verschwörung; der Westen bejuble mit Absicht vor allem die schlechten iranischen Filme.

Wahrscheinlicher ist, dass man sich in seiner Heimat an den Themen seiner Filme stieß. In Der Geschmack der Kirsche sucht ein Mann, der die feste Absicht hat, sich am Abend mit Tabletten zu töten, einen Helfer, der am Morgen den Tod feststellen und das Grab zuschaufeln wird. Im Iran ist Suizid – trotz oder wegen der hohen Selbsttötungsrate – ein Tabu, der Film bekam keine Freigabe von der Zensur. Die Ehrung, die der Film in Cannes erhielt, konnte damals durchaus auch so interpretiert werden, dass man dem Filmemacher den Rücken stärken wollte.

Den heftigen Sturm der Entrüstung löste dann jedoch nicht die Goldene Palme aus, sondern der Kuss, den er während der Preisverleihung im Überschwang seiner Laudatorin Catherine Deneuve auf die Wange drückte. So unerhört war es, dass Kiarostami zunächst nicht in seine Heimat zurückkehrte, sondern abwartete, bis sich die Empörung gelegt hatte.