ZEIT ONLINE: Sie spielen in Maggies Plan eine junge Frau, die einer anderen den Mann ausspannt und ihn ihr nach ein paar Jahren wieder zurückgeben will. Was hat Sie an dieser Maggie und ihren Plänen gereizt?

Greta Gerwig: Ich mag Maggie, weil sie eine gewisse Reinheit des Herzens besitzt. Sie trägt die tiefe Sehnsucht in sich, ihre eigene Wahrheit zu finden und danach zu leben. Sie zögert nicht lange, wenn sie etwas tut, und hat eine sehr gesunde Art, sich nicht mit Schuldgefühlen zu belasten. Es gibt in unserem Leben oft Situationen, in denen man eigentlich genau weiß, was zu tun ist, sich aber durch die Ansprüche und Vorstellungen anderer davon abbringen lässt. Maggie hat einen ganz direkten Zugang zu sich selbst – auch wenn sie Fehler begeht. Das ist eine sehr gute Eigenschaft.

ZEIT ONLINE: In Ihren Filmfiguren scheint immer viel von Ihnen selbst zu stecken. Werden Sie oft mit Ihren Charakteren verwechselt?

Gerwig: Schauspielen ist für mich ein sehr langsamer Prozess der Annäherung an eine Figur. Mit der Regisseurin Rebecca Miller habe ich fast ein Jahr lang an der Entwicklung Maggies gearbeitet. Wir machten uns Gedanken darüber, wer sie ist, was sie denkt, was sie interessiert, wie sie sich kleidet, wie sie redet – wenn ich dann vor die Kamera trete, hat sich mein Wesen mit dem der Figur vermischt. Nach jedem Film kommen Freunde auf mich zu und sagen: "Da steckt viel von dir drin." Dann denke ich immer: "Ich kann doch nicht all diese Menschen sein." Aber eigentlich finde ich es gut, wenn man mich in meinen Rollen erkennt. Es macht mich stolz, auch weil sich durch diesen persönlichen Bezug die Fiktion des Filmes weniger fiktiv anfühlt.

"Wenn ich durch New York gehe, sehe ich oft Filmszenen vor mir"

ZEIT ONLINE: Maggie ist auf ihre Weise ein ziemlicher Kontrollfreak. Gehört das auch zu Ihren Schwächen?

Gerwig: Nein. Ich weiß, dass man nicht alles kontrollieren kann. Ich achte darauf, dass ich die Dinge, die mir wichtig im Leben sind, unter Kontrolle habe, aber alles andere lasse ich einfach geschehen. Mir ist es vollkommen egal, wie weit mein Sitz im Flugzeug vom Notausgang entfernt ist. Ich habe noch nie ein Hotelzimmer gewechselt, weil es mir nicht gefallen hat. Und im Grunde ist es mir auch gleichgültig, was ich anziehe. Aber wenn ich ein Drehbuch geschrieben habe und die Arbeit am Set beginnt, achte ich sehr darauf, dass alles so rüberkommt, wie ich es mir erdacht habe. In diesen Momenten bin ich ein echter Kontrollfreak.

ZEIT ONLINE: In fast allen Ihren Filmen, die Sie als Schauspielerin oder Regisseurin realisiert haben, spielt New York die zweite Hauptrolle und Ihre Figuren scheinen mit der Stadt verwachsen zu sein. Warum ist New York für Sie ein solch fruchtbarer, kreativer Boden?

Gerwig: New York ist eine sehr cinegene Stadt. Ich bin nicht dort aufgewachsen und habe die Stadt zunächst nur über das Kino kennengelernt. Ganz besonders durch die Filme von Woody Allen. Wenn ich in meinem Alltag durch New York gehe, sehe ich oft Filmszenen vor mir. Aber ich denke ohnehin dauernd an Filme. Manchmal ist es ein bisschen seltsam, wenn man sich während jeder lustigen Konversation überlegt, ob man das auch im nächsten Film verwenden könnte. Es fühlt sich an, als würde man nicht das wirkliche Leben leben. Meinen nächsten Film drehe ich jedoch nicht in New York, sondern in Northern California, wo ich aufgewachsen bin. Es hat seinen Reiz, an den Ort zurückzukehren, von dem man kommt und dem man sich auf mysteriöse Weise immer noch verbunden fühlt.